Kino

„If Beale Street Could Talk“: Eine Liebe hinter Gittern

Die Falschaussage eines rassistischen Polizisten zerstört das Glück von Fonny (Stephan James) und Tish (Kiki Layne). „Beale Street“ erzeugt Wut, aber auch Hoffnung.

Barry Jenkins erzählt in seiner Kinoadaption des James-Baldwin-Romans „Beale Street Blues“ eine Liebesgeschichte, die sich in einer rassistischen Umwelt bewähren muss.

Von Peter Angerer

Innsbruck –Aufgewachsen in Harlem, hat sich Fonny (Stephan James) längst abgeschrieben, doch im Jugendgefängnis entdeckt er den Werkstoff Holz, mit dem ihm wahre Wunderwerke gelingen. Und da gibt es noch Tish (Kiki Layne), die er seit der Kindheit kennt, deren Eltern ihn wie einen Sohn behandelt haben, während sich die eigenen dem Glauben verschrieben haben. Irgendwann haben Fonny und Tish die Liebe entdeckt, und nun möchte ihm die 19-Jährige von ihren Gefühlen als werdende Mutter erzählen.

Sie greift zu einem Telefonhörer, legt die andere Hand auf die Glasscheibe der Besucherkoje im Gefängnis. Fonny drückt seine Hand dagegen. Er ist wütend, freut sich über das Baby, vermisst aber die Unterstützung, die er wohl von Tish und seiner Familie erwarten kann. Das ist natürlich ungerecht, und Fonny weiß das auch. Ihn erwartet eine Anklage wegen Vergewaltigung, das Opfer will ihn erkannt haben. Dabei ist das einzige Verbrechen, das Fonny begangen hat, einem weißen rassistischen Polizisten die verlangte Unterwürfigkeit verweigert zu haben.

Bereits 1974 veröffentlichte James Baldwin (1924–1987) seinen Roman „If Beale Street Could Talk“ und arbeitete zugleich an seiner Kinobiografie „Teufelswerk – Betrachtungen zur Rolle der Farbigen im Film“, die noch einmal zu lesen sich gerade jetzt lohnt, bringt sie doch Klarheit in den aktuellen Konflikt um die Preiswürdigkeit von „Green Book“. Während 1958 in den „weißen“ Kinos am Ende des Films „Flucht in Ketten“ die Zuschauer jubelten, als Sidney Poitier vom rettenden Zug sprang, um dem verletzten Tony Curtis beizustehen, buhten die farbigen Kinogeher bei dieser Szene. Die Farbigen verabscheuten auch Filme wie „Rat mal, wer zum Essen kommt?“, die von weißen Regisseuren gedreht wurden, so Baldwin, „um das weiße Publikum zu beruhigen“. In „Green Book“ ist es wieder der von Viggo Mortensen gespielte Weiße, der den Farbigen, der zwar über mehr Geld und Kultur verfügt, vor rassistischen Übergriffen beschützen muss.

Bei den Oscars des Jahres 2017 erlebte der Regisseur Barry Jenkins ein bizarres Wechselbad der Gefühle, als erst das Musical „La La Land“ zum besten Film gekürt wurde, um nach der Aufklärung des Fehlers mit seinem Film „Moonlight“ triumphieren zu können. Der Skandal bescherte dem Film über das Elend und die sozialen Zurücksetzungen eines farbigen Jugendlichen zusätzliche Aufmerksamkeit und damit auch ein üppigeres Budget für seine Adaption des Baldwin-Romans. „Beale Street“ erzählt, was es bedeutet, schwarz und arm zu sein, und welche emotionalen und wirtschaftlichen Möglichkeiten für Arme und Farbige vorgesehen sind.

In „Beale Street“ schnappen Fonny und Tish durch die Trennscheibe nach jedem Körnchen Glück, beobachten das Wachsen von Baby und Bauch. Die euphorische Mutter erinnert sich in Rückblenden an die besonderen Momente des gemeinsamen Lebens. Dazu gehören auch ihre Erfahrungen mit dem alltäglichen Rassismus. Bei der gemeinsamen Wohnungssuche wollten die Vermieter nur Tish als Sexobjekt akzeptieren. Es gibt auch freundliche Weiße, wie den von Dave Franco gespielten Hipster, der ihnen ein Loft anbietet. Ein anderer ist der Anwalt, der Fonny die Welt erklären muss. Alle wissen von Fonnys Unschuld, doch will man die überlasteten Richter und Staatsanwälte durch beharrliches Leugnen und damit verbundene Mehrarbeit in schlechte Laune versetzen?

James Baldwin zählt zu den bedeutendsten US-Autoren des 20. Jahrhunderts. Auch auf Deutsch erlebt sein Werk derzeit eine Renaissance.
© imago stock&people

Trotz dieser Ungeheuerlichkeit, die eine Wut im Magen erzeugt, als wäre er von einer Kugel getroffen worden, liegt auch etwas Herzerwärmendes über diesem Film, der sich mit den herrschenden Verhältnissen nicht abfinden möchte.

Hundert Jahre zu früh gefeiert

Neben dem Buch zum Film „Beale Street" wurden auch James Baldwins Essays neu aufgelegt.

James Baldwins Sprache ist von archaischer, beinahe biblischer Wucht. Seine Sätze geradlinig klar, die Sentenzen unversöhnlich. Baldwins nun siehe Artikel oben — verfilmter Roman „If Beale Street Could Talk" liegt nun in Miriam Mandelkows kongenialer Neuübersetzung als Taschenbuch vor. Er heißt „Beale Street Blues", womit auch die musikalische Dimension des Textes, der seinen Originaltitel einem Jazz-Standard entlehnte, anklingt. Baldwin schrieb das Buch 1974. Viele seiner Mitstreiter in der US-Bürgerrechtsbewegung waren tot. Auch Baldwins Ruhm war am Verblassen.

„Beale Street Blues" ist ein erschütterndes Buch. Nicht nur, weil drastische Szenen geschildert werden — Verleumdung, Leid und Schläge, die Liebe von Tish, aus deren Perspektive erzählt wird und die Fonny begleitet. Sondern weil Baldwin mit seiner schonungslos schönen, tieftraurigen Ballade offenlegt, wie Rassismus funktioniert. Seine Figuren, egal ob zu Unrecht Verfolgte oder ruchlose Verfolger, sind von Vorurteilen getrieben. Das rechtfertigt keine ihrer Taten, aber es macht die Ausweglosigkeit spürbar. „Beale Street Blues" ist ein sprachmächtiges Buch über Wut und die Unfähigkeit, sie auszudrücken, über Macht und Missbrauch. Man muss die Parallelen zum Heute, zur amerikanischen, aber auch zur europäischen Gegenwart nicht ziehen, um von der zeitlosen Kraft dieser Erzählung mitgerissen zu werden.

Dieser Tage ist auch Baldwins 1963 erschienener Doppel-Essay „Nach der Flut das Feuer" neu aufgelegt worden. Erneut hat Übersetzerin Miriam Mandelkow Großes geleistet. In einem Nachwort gibt sie zudem Einblick in ihre Werkstatt. Schon diese wenigen Zeilen haben das Zeug zum Standardwerk: Wie macht man sich Texte zu Eigen, die unhinterfragte Aneignung anprangern? Nach der Lektüre dieses Nachworts liest man auch Baldwins Essays mit geschärfterem Blick: Selbst das Einfache ist nicht einfach. Und Baldwins Antwortversuche auf drängende Fragen sowieso nicht. Adressiert hat er den ersten der beiden im Buch versammelten Texte an seinen 15-jährigen Neffen. Dem will er Selbstbewusstsein mit auf den Weg geben. „In unserer Zeit, wie in jeder Zeit, ist das Unmögliche das Mindeste, was man verlangen kann", schreibt er — und seziert die Bedingungen rassistischer Unterdrückung. 1963 wurde das Hundertjahrjubiläum von Abraham Lincolns „Emancipation Proclamation" — wenn man so will: der Anfang vom Ende der Sklaverei — gefeiert. „Dieses Land feiert hundert Jahre Freiheit hundert Jahre zu früh", konstatiert der Autor. Und dreht den Spieß in einer spektakulären Überlegung um: Nicht die Unterdrückten, die Niedergemachten und Bedrohten müssen befreit werden, sondern die Unterdrücker: „Ich bin kein Nigger, ich bin ein Mensch, aber wer mich für einen Nigger hält, hat das anscheinend nötig." (jole)

Roman James Baldwin: Beale Street Blues. dtv, 224 Seiten, 13.30 Euro.

Essays James Baldwin: Nach der Flut das Feuer — The Fire Next Time. dtv, 121 Seiten, 18.50 Euro.