Lehre allein genügt nicht als Karriereturbo

In Tirol gibt es fast fünfmal so viele offene Lehrstellen wie Suchende. Vor allem Mädchen fehlen aber Karriereperspektiven.

Viele junge Mädchen wollen Friseurin werden.
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Von Beate Troger

Innsbruck –Freche Slogans, der Führerschein als Lockmittel, actionreiche Castings und die Aussicht auf eine steile Karriere. Die Tiroler Unternehmen, vom Industriekonzern bis zum mittelständischen Gewerbebetrieb, nehmen viel Geld in die Hand, um Jugendliche als Lehrlinge zu gewinnen.

Dass diese Maßnahmen für das Buhlen um den Nachwuchs wohl notwendig sind, untermauern die Zahlen aus der aktuellen Lehrlingsstatistik. Zum Stichtag am 28. Februar 2019 standen in Tirol laut Zahlen des Arbeitsmarkt­serives (AMS) 472 Lehrstellensuchenden fast fünfmal so viele offene Lehrstellen gegenüber, nämlich 2257.

Nach Ansicht von Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Walser haben die intensiven Kampagnen trotzdem Früchte getragen: „Die Werbeaktionen haben das Bewusstsein für die Lehre geschärft“, sagt er. Und tatsächlich sind die Lehrlingszahlen in Tirol wieder gestiegen, nicht nur aufgrund der aktuell stabilen demografischen Entwicklung bei den 15-Jährigen. Aktuell absolvieren in Tirol 10.574 Jugendliche im dualen Bildungssystem eine Berufsausbildung, das sind um 1,6 Prozent mehr als vor einem Jahr.

In unzähligen Werbeaktionen ist von „Karriere mit Lehre“ die Rede. Wie viele Lehrlinge später einmal tatsächlich beruflich durchstarten und in gehobene Führungspositionen aufsteigen, wird nicht erhoben. Die Wirtschaftskammer betont, dass immerhin jeder dritte Unternehmensgründer eine Lehre abgeschlossen habe. Laut WK-Boss Walser sind Berufslaufbahnen aber generell durchlässiger geworden. „Lehrlinge können in ihrer späteren Karriere genauso erfolgreich sein wie Maturanten oder gar Akademiker.“

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Sabine Platzer-Werlberger, Vizegeschäftsführerin des AMS in Tirol, betrachtet die aufwändigen Kampagnen hingegen etwas kritisch. „Mir gefällt nicht, wenn die Lehre gegen die schulische Bildung ausgespielt wird“, sagt sie im TT-Gespräch. Die Arbeitsmarktexpertin weist darauf hin, dass die Lehre nur der Einstieg in eine erfolgreiche Karriere, eineeinflussreiche Position mit gutem Verdienst, sein könne. Der Lehrabschluss allein reiche aber noch lange nicht aus. Doch erst, wenn Jugendliche danach mit Engagement weiter Zusatzqualifikationen erwerben oder eventuell im zweiten Bildungsweg die Matura und ein Studium anhängen würden, könnten sie den Aufstieg in die Führungsebene schaffen.

Trotz mehreren glanzvollen Erfolgskarrieren mit Vorbildwirkung (siehe Interview) sei der Anteil der Karrieristen aber „leider eher gering“, weiß sie. „Gerade jungen Mädchen, die es nach wie vor sehr stark in traditionelle Frauenberufe wie Friseurin oder in den Einzelhandel zieht, bleibt eine Erfolgslaufbahn oft verwehrt.“

Der Lehrstellenmarkt in Tirol

10.574 Jugendliche absolvieren derzeit eine Lehre. Jeder zweite (50,1 %) der 6849 Tiroler 15-Jährigen begann 2018 eine Lehrausbildung (3438).

2257 Lehrstellen sind nicht besetzt, die meisten im Kfz-Bereich (587) und im Tourismus (501).

Top 5 nach Geschlecht: Bei Mädchen dominierten 2018 Einzelhandelskauffrau (849, 23,8 %), Bürokauffrau (389, 10,9 %), Stylistin (341, 9,6 %), Hotel- und Gastgewerbeassistentin (212, 5,9 %), Restaurantfachfrau (122, 3,4 %). Bei den Buben waren es Metalltechniker (910, 12,5 %), Elektrotechniker (895, 12,3 %), Kfz-Techniker (659, 9 %), Einzelhandelskaufmann (524, 7,2 %) und Installations- und Gebäudetechniker (434, 5,9 %).


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