Weltrekord-Funken

Brauchtum gegen Klimaschutz: Streit um Weltrekord-Feuer in Lustenau

Die Lustenauer „Hofstalder Funkenzunft“ errichtet anlässlich ihres 40-jährigen Bestehens den weltweit höchsten Funken. Am 16. März soll der fast 60 Meter hohe Holzturm abgebrannt werden.
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Ein 58,60 Meter hoher Holzturm, der kurz nach dem Erbauen wieder abgefackelt wird: für manche ein Riesenprojekt, für andere „unnötige Gigantonomie“. Der Weltrekord-Versuch wird in Vorarlberg seit Wochen von harscher Kritik begleitet.

Lustenau – 58,60 Meter Höhe, rund 100 Tonnen Gewicht. Der Holzturm, der gerade in der kleinen Vorarlberger Gemeinde Lustenau gebaut wird, ist in jeder Hinsicht ein riesiges Projekt. Die 50 Zentimeter langen Nägel für das Bauwerk schmieden sich die Jungs von der Hofstalder Funkenzunft selbst, weil sie die passenden Größen nicht im Baumarkt kaufen können. „Es wollen Forscher aus Norwegen, den Niederlanden und Liechtenstein anreisen, um sich den Turm anzuschauen“, sagt Marco Hollenstein, Obmann der Funkenzunft. Gebaut wird schon seit Wochen – mit letztlich nur einem Ziel: Am 16. März ist das größte Lagerfeuer der Welt geplant.

So hoch wie der Kirchturm

Doch worum geht‘s genau? Das traditionelle Abbrennen von „Funken“ am ersten Fastenwochenende als Teil der alemannischen Fasnacht soll den Winter austreiben. Dabei werden im Rahmen eines Volksfests meterhohe Holztürme, zumeist mit einer Hexenfigur an der Spitze, entzündet – nach Angaben des Landes sind es jährlich rund 220 in etwa 90 Gemeinden.

Die Idee zum Weltrekord-Funken entstand in Lustenau bereits um das Jahr 2000, als in Gaißau mit 41 Metern der bisher höchste Funken brannte. Den Weltrekord hält laut Guinnessbuch seit 2016 das norwegische Alesund mit einem 47 Meter hohen Mittsommerfeuer.
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In Lustenau kümmert sich die Hofstalder Funkenzunft um die Pflege dieses Brauchtums – und die wird dieses Jahr 40 Jahre alt. Ein guter Zeitpunkt für einen Weltrekord-Versuch, dachte sich die Funkenzunft und plante einen Holzturm so hoch wie die örtliche Kirche. Bisher liegt der Rekord bei über 47 Metern, in Norwegen wurden dafür mehr als 4000 Paletten gestapelt.

Die Kritik an dem Großprojekt in Lustenau ließ aber nicht lange auf sich warten. Umweltschützer sehen das Projekt wegen des hohen Holzverbrauchs und der Feinstaubbelastung kritisch. Und der Funken-Turm wurde zuletzt zu einer Projektionsfläche für die Frage: Wie sinnvoll sind Brauchtumsfeuer in Zeiten des Klimawandels?

Alpenschutzverein erstattete Anzeige

Naturschutzanwältin Katharina Lins bemängelte laut Vorarlberger Medienberichten den hohen Holzverbrauch von fast 100 Tonnen als Energieverschwendung und kritisierte die Abgaserzeugung.

„Das hat mit der Funken-Tradition nichts zu tun. Das ist Gigantonomie und ein Verschleiß von Rohstoffen“, sagt Franz Ströhle, Obmann des örtlichen Alpenschutzvereins.
Franz Ströhle (Obmann Vorarlberger Alpenschutzverein)

„Das hat mit der Funken-Tradition nichts zu tun. Das ist Gigantonomie und ein Verschleiß von Rohstoffen“, sagt Franz Ströhle, Obmann des Vorarlberger Alpenschutzvereins. Das Projekt sei gesundheitsgefährdend und umweltschädlich, beim Abbrennen würden große Mengen CO2 und Feinstaub freigesetzt.

„Man kann doch auch Spaß haben, wenn ein Funken mal im Rahmen bleibt.“ Hinzu käme seit rund zehn Jahren vielerorts der Trend, zum Funken auch ein Feuerwerk abzubrennen, erklärt Ströhle. Gerade einer Gemeinde wie Lustenau, die seit 1999 Mitglied im Klimabündnis Österreich ist, ständen solche Dimensionen beim Brauchtum nicht gut zu Gesicht. Ströhle hat wegen der drohenden Schadstoffbelastung eine Aufsichtsbeschwerde eingereicht, allerdings ohne Erfolg.

Für den Weltrekord-Funken, der mit 58,60 Metern so hoch werden soll wie die Lustenauer Kirche St. Peter und Paul, musste die Zunft einiges auf sich nehmen.
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„30 Meter mehr machen keinen Unterschied“

Bürgermeister Kurt Fischer (ÖVP) ist derweil sogar froh, dass der Funken eine breite Debatte ausgelöst hat. „Das Thema Luftgüte und Emissionen ist allein durch die Verkehrsbelastung in Lustenau ständig präsent“, sagt er. „Wir haben ein paar Tausend Lastwagen, die täglich durch Lustenau fahren. Dazu kommt der Einkaufsverkehr nach Dornbirn und auch der Tourismus.“ Viele Kritiker hätten sich vorher nie Gedanken gemacht über die Luftsituation in der Gemeinde mit rund 20.000 Einwohnern. Dass der 58-Meter-Funken einen großen Unterschied für die Luftreinheit macht, bezweifelt er. „Es gibt gar keinen Überblick über die Emissionen durch Funken in Vorarlberg insgesamt. In Lustenau ist er dieses Jahr nun einmal 58 statt 35 Meter hoch.“ Die Frage, bei welcher Höhe Brauchtum anfange und wo es aufhöre, sei eine „philosophische“.

Ähnlich argumentiert die Funkenzunft. Etwa 30 Meter mehr Höhe als in den vorherigen Jahren würden bei den vielen Funken insgesamt keinen großen Unterschied machen, meint Hollenstein. Aus seiner Sicht ist auch nicht zu erwarten, dass in den kommenden Jahren ein großes Wettrennen um den Weltrekord entsteht. „Jeder der sich mit Holzbau auskennt, weiß, was das für ein komplexes Bauwerk ist. Wir sind da eigentlich schon am Zenit angekommen.“

10.000 Zuschauer erwartet

Deutlich mehr als die Hälfte des Turms steht bereits. Die Veranstaltung wurde – ausnahmsweise, wie es heißt – auf das zweite Wochenende der Fastenzeit gelegt, um mehr Besucher anzulocken. Am kommenden Samstag erwarten die 20 Mitglieder der Funkenzunft bis zu 10.000 Zuschauer. Große Werbung für das Funkenfeuer mussten sie dank der medialen Aufmerksamkeit nicht mehr machen.

Ob das Bauwerk wirklich angezündet wird, wird sich aber erst kurz zuvor entscheiden. Die Gemeinde hat nach vielen Beratungen zur Sicherheit zwar den Veranstaltungsbescheid unterschrieben. Doch Bürgermeister Fischer macht auch klar: „Bei starkem Wind wird der Funken nicht brennen.“ (dpa, APA, TT.com)