Bühne

Shakespeares Schlachtplatte: “Klingeschwingen um die britische Krone“

Ein seltsames Paar und sein durchtriebener Auftraggeber: Kristoffer Nowak, Jan-Hinnerk Arnke und Raphael Kübler in Michael Niavaranis Shakespeare-Bearbeitung „Die unglaubliche Tragödie von Richard III“.
© TLT/Larl

Wuchtig und reich an Wuchteln: „Die unglaubliche Tragödie von Richard III.“ im Tiroler Landestheater.

Von Joachim Leitner

Innsbruck –Two Murderers, zwei Mörder also. Auftragskiller, die mit ihrem Auftrag hadern. Recht viel lässt sich in William Shakespeares Historie „Richard III.“ nicht über jene beiden Galgenvögel finden, die Michael Niavarani ins Zentrum seiner Komödie „Die unglaubliche Tragödie von Richard III.“ stellte. Am Samstagabend kam Niavaranis Stück – man könnte es, ganz zeitgemäß, eine Shakespeare-Überüberschreibung nennen – im Großen Haus des Tiroler Landestheaters zur Premiere.

Im Grunde ist Niavaranis Verfahren einfach: Er erzählt das elisabethanische Welttheater aus der Perspektive zweier Randfiguren. Tom Stoppard hat mit „Rosencrantz and Guildenstern Are Dead“ einst, vor mehr als fünfzig Jahren, etwas ganz Ähnliches am „Hamlet“ vorgemacht. Doch während dort das große Drama an den neuen Protagonisten vorbeiläuft, schmeißt Niavarani seine Helden wider Willen mitten hinein in Shakespeares spektakuläres Schlacht- und Abschlachtgetümmel. Sprichwörtlich: Das Klingeschwingen um die britische Krone hat gerade begonnen, da verliert sich ein Koch auf blutgetränktem Boden. Wenig später stößt ein polternder Schuster dazu. Gemeinsam, aber ohne Plan greifen sie ins Geschehen ein – und werden ziemlich zufällig Handlanger des Oberintriganten Richard, der bei seiner Thronbesteigung reihenweise Nebenbuhler um die Ecke bringt.

Jan-Hinnerk Arnke und Kristoffer Nowak – die sich mit dem Late-Night-Zuckerl „Nimm2“ als begnadete Blödler vielfach bewährt haben – brillieren als wahrhaft seltsames Paar. Sie taumeln von einer Katastrophe in die nächste, verstehen wenig, wissen aber alles besser – ungefähr jedenfalls. Den von Shakespeare angedichteten Mord verbockt das Duo. Tot ist der anvisierte Herzog trotzdem. Und Richard zufrieden. Raphael Kübler gibt den missgebildeten Monarchen bemerkenswert durchtrieben: nah am Wahn – und doch berechnend bis zum letzten Zucken. Eine Shakespeare-Figur erster Güte. Überhaupt liegt der Reiz des Stücks und von Susi Webers Innsbrucker Inszenierung darin, dass beides ernst genommen wird: Die wüsten Wuchteln und die wuchtige Tragödie, die sich manchmal davor, häufig dahinter und bisweilen daneben Bahn brechen.

Um das zentrale Trio tummelt sich ein Ensemble, dem es – in bisweilen mordsmäßig schnellen Kostümwechseln – gelingt, auch Klein- und Kleinstauftritte in greif- und begreifbare Figuren zu verwandeln: Ayla Antheunisse, Petra Alexandra Pippan, Johannes Gabl, Philipp Rudig, Stefan Riedl, Philip Henry Brehl, Marion Fuhs und Korbinian Josef Müller spielen Ladys und Lords, Dukes und Dirnen. Janine Wegener darf als Königin Margaret, deren Wille zum Machterhalt am Beginn des Mordens steht, zunächst toben. Später geistert sie als dunkle Vorahnung künftiger Gemetzel durch Isabel Grafs klug konzipiertes Bühnenbild, in dem mit dem Perkussionisten Wolfi Rainer ein Taktgeber und Schrittmacher sondergleichen sitzt. Auch deshalb sitzen Ton, Tempo und Timing.

Susi Weber, das deutet schon der selbstbewusst zur Schau gestellte rote Vorhang an, inszeniert die herrlich dämliche und hochherrschaftlich hintersinnige, diese so „unglaubliche Tragödie von Richard III.“, als Theater-Theater im besten Sinne: Griffige Bilder, große Gesten, kleine, ja winzige Details (aufgeknüpfte Ratten zum Beispiel), Gags von wechselhafter Halbwertszeit und – zwischen kübelweise Kunstblut – ein, zwei Funken unverfrorene Magie.

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