Streit um E-Mobilität: Harte Fronten in der Autoindustrie
VW-Chef Diess will, dass sich Förderungen ausschließlich auf batteriebetriebene Fahrzeuge konzentrieren. Konkurrent BMW ist strikt dagegen.
München, Wolfsburg, Berlin – In der deutschen Autoindustrie tobt ein offener Streit um die Zukunft des Automobils. Im Kern geht es darum, ob sich alle Förderungen künftig ausschließlich auf Batteriefahrzeuge konzentrieren sollen. BMW-Chef Harald Krüger widerspricht dieser Forderung von Diess entschieden. „Wo ich ganz klar anderer Meinung bin, ist Technologieoffenheit“, sagte Krüger am Mittwoch in München.
Suche nach gemeinsamer Lösung
Die Entwicklung in verschiedenen Teilen der Welt sei sehr unterschiedlich, und wie schnell überall die Infrastruktur für reine vollelektrische Fahrzeuge entstehen werde, „das sehe ich anders“. In einigen Ländern sei auch Wasserstoff eine Alternative zum Batterieauto. „Daraus ergibt sich heute Nachmittag Diskussionsbedarf“, sagte der BMW-Chef. Eine offizielle Bestätigung des Spitzengesprächs gab es zuvor bisher nicht.
Diess und Krüger wollten am Mittwochnachmittag beziehungsweise -abend mit Daimler-Chef Dieter Zetsche und dem Präsidenten des Autoindustrieverbands VDA, Bernhard Mattes, ausloten, ob sie eine gemeinsame Linie finden können. Der in München geborene VW-Chef mit österreichischem Pass will Subventionen auf kleine vollelektrische Autos konzentrieren und sagte: „Technologieoffenheit ist jetzt die falsche Parole.“ BMW baut vor allem große Autos und hat zehn Hybrid-Modelle im Angebot.
Strategiepapier löst Streit aus
Krüger sagte, darüber „werden wir heute Abend intensiv diskutieren“. Es sei möglich, dass die Politik in einem wichtigen Land Hersteller dazu verpflichten werde, Wasserstoff-Brennstoffzellen-Autos anzubieten und sie andernfalls überhaupt keine Autos mehr dort verkaufen dürften. Deshalb sei Technologieoffenheit sehr wichtig. Zur Debatte über den VDA und Spekulationen über einen Austritt von VW aus dem Verband sagte Krüger: „Wir stehen zum VDA.“
Diess hatte den Konflikt mit einem Strategiepapier ausgelöst, das in der Branche und auch in der Politik heftig umstritten ist. Kritiker monieren, die Vorschläge seien zu sehr auf Volkswagen gemünzt. In dem Papier heißt es, die bisherigen Pläne zur Verkaufsförderung sowie zum Ausbau der Ladeinfrastruktur für E-Autos reichten nicht aus.
Handel und Verbraucherzentralen für stärker E-Förderung
Die deutschen Einzelhändler forderten vom Bund eine wirksamere und weniger bürokratische Förderung von Ladesäulen für Elektrofahrzeuge. „Der Aufbau von Ladeinfrastruktur krankt aus Sicht unserer Branche insbesondere daran, dass es aktuell keinen wirtschaftlichen Anreiz dafür gibt“, schrieb der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands HDE, Stefan Genth, in einem Brief an Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU). Dies liege auch daran, dass bisher nur relativ wenig E-Fahrzeuge unterwegs seien. Das Schreiben liegt der Deutschen Presse-Agentur vor, zuvor hatte das Handelsblatt darüber berichtet.
Konkret fordern die Einzelhändler, dass die Beantragung von Fördergeldern für Ladesäulen einfacher werden soll. So sollte es nach Ansicht des HDE für Einzelhändler möglich sein, Sammelanträge für mehrere Filialstandorte zu stellen, anstatt jede Säule einzeln zu beantragen. Die Einzelhändler sehen in ihren Standorten erhebliches Potenzial für den Ausbau der Ladeinfrastruktur: Allein der Lebensmitteleinzelhandel habe mit seinen 38.000 Standorten rund 1,9 Millionen Stellplätze, die prinzipiell ausgerüstet werden könnten.
Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) forderte die Bundesregierung auf, die Förderung für E-Autos zu verlängern und stärker auf kleine Fahrzeuge auszurichten. „Wirklich zielfördernd und zukunftsfähig sind (...) nicht große und schwere Autos wie SUVs, sondern kleine, leichte und platzsparende Fahrzeuge“, sagte vzbv-Chef Klaus Müller einer Mitteilung zufolge.
Handelsketten setzen auf E-Mobilität
Auch mehrere große Energie- und Handelsunternehmen riefen den Bund dazu auf, den Umstieg auf E-Fahrzeuge stärker zu fördern. Eon-Manager Andreas Pfeiffer etwa forderte Kontrollmaßnahmen wie CO2-Abgaben sowie Steueranreize für Unternehmen, die ihren Fuhrpark auf E-Mobilität umstellen wollen. Die beiden Energiekonzerne Eon und Vattenfall rüsten derzeit selbst ihre Flotten auf E-Fahrzeuge um und bauen große Ladenetze auch für Kunden auf – genauso wie die Handelsketten Metro und Ingka Group (früher Ikea) sowie das Fuhrpark-Leasingunternehmen Leaseplan.
„Die Empfehlungen sind eine klare Chance für die Bundesregierung, sich die fallenden Kosten für Batterien zunutze zu machen und einen ehrgeizigen Zeitplan für die Einführung von Elektrofahrzeugen festzulegen, der mit Plänen anderer europäischer Länder im Einklang steht“, so die Unternehmen in einer gemeinsamen Mitteilung. (APA, dpa, TT.com)
Die großen Drei
Bei Volkswagen tobt auch ein Streit um zukünftige Strategien. So hat Konzern-Chef Herbert Diess ein massives Sparprogram auf den Weg gebracht. Diess erklärte, wegen der strengen EU-Vorgaben zum CO2-Ausstoß müsse der Anteil der E-Autos bei Volkswagen bis 2030 bei rund 40 Prozent liegen. Allerdings: „Ein E-Auto wird mit etwa 30 Prozent weniger Arbeit hergestellt als ein Verbrenner. Es wird schwer, das nur mit Fluktuation und Altersteilzeit zu bewältigen.“ Diess betonte, er nehme Unsicherheiten und Ängste in der Belegschaft „sehr ernst“. VW-Betriebsratsboss Bernd Osterloh hat für die Kernmarke VW-Pkw eine Beschäftigungssicherung bis Ende 2028 an allen deutschen Standorten gefordert. Dies sei die Bedingung für den digitalen Umbau des Unternehmens, sagte er nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur am Mittwoch bei der Betriebsversammlung in Wolfsburg vor rund 20.000 Mitarbeitern.
Der bei der Kernmarke VW Pkw fürs Tagesgeschäft zuständige Manager Ralf Brandstätter hatte kürzlich angekündigt, dass in den nächsten fünf Jahren zusätzlich 5000 bis 7000 Stellen wegfallen sollen.
Konkurrent BMW rechnet im laufenden Jahr mit einem weiteren Gewinnrückgang, will aber keine Stellen abbauen. Stattdessen werde BMW wenig gefragte Modell- und Motorvarianten konsequent aus dem Angebot streichen, die Fahrzeugentwicklung stärker digitalisieren, den Vertrieb straffen und so in den nächsten vier Jahren 12 Mrd. Euro einsparen, sagte Vorstandschef Harald Krüger am Mittwoch in München.
Auch heuer gebe es kräftig Gegenwind, sagte der Finanzchef. Allein schon steigende Rohstoffpreise und der starke Euro dürften BMW mehr als eine halbe Milliarde Euro kosten. Zugleich müsse BMW weiter kräftig in neue Modelle, Elektromobilität und die Entwicklung autonom fahrender Autos investieren. Selbst wenn es keinen ungeregelten Brexit und keine Zollerhöhungen zwischen den USA und China gebe, „wird das Konzernergebnis vor Steuern voraussichtlich ebenfalls deutlich unter dem des Vorjahres liegen“, erklärte Finanzvorstand Nicolas Peter .
Etwas besser geht es Daimler. Der Konzern will schon bald massenhaft selbstfahrende Autos fertigen. „Wir bereiten uns darauf vor, ab 2021 eine große Zahl an Robotaxis bereitzustellen“, sagte der Leiter automatisiertes Fahren bei Mercedes-Benz, Michael Hafner, der neuen Ausgabe der „Automobilwoche“.
Als erstes sollen die Fahrzeuge demnach in den USA und Europa eingeführt werde, hier liefen bereits Verhandlungen mit diversen Städten. Der Markteintritt in China folge danach.