,,Seele verloren“: Venezolaner im täglichen Überlebenskampf
Das ölreichste Land der Welt liegt am Boden. Der Sicherheitsapparat versagt, die Infrastruktur ist eine Katastrophe, es gibt keine medizinische Versorgung. Die Menschen kämpfen tagtäglich ums Überleben.
Von Valentina Dirmaier
aus Caracas
Caracas –Hastig schaufelt Miguel Rodríguez den Teller mit Spaghetti, überzogen mit einer braunen Fleischsauce und bestreut mit blassem Weichkäse, und einer Kochbanane als Beilage leer. Er kaut kaum, schluckt hastig. „Die Not hat uns zu Tieren gemacht“, sagt der Caraqueño entschuldigend. Sein Magenknurren ist gestillt. Sein Lächeln ist zurück. Die Sorgen bleiben. Der Mann mit eingefallenen Wangen und hervortretenden Augen hat seit Tagen, vielleicht auch Wochen kaum gegessen. Sein mickriges Einkommen – der auftragsarme Kameramann bekommt das Mindestgehalt von umgerechnet fünf Dollar pro Monat – reicht nicht einmal für eine vernünftige Mahlzeit aus. Zum Frühstück gibt es seit Wochen Arepas, die weichen und geschmacksarmen gebackenen Maisfladen. Mittags wird gehungert. Abends ernährt er sich von Avocados, Tomaten und einer Handvoll Reis. Alles vom Schwarzmarkt. Einkäufe im Supermarkt wie in den sorglosen Zeiten kann er sich nicht mehr leisten. Fleisch kennt er nur noch aus der Werbung. Genauso wie Trinkjoghurts oder Schokolade. Miguel Rodríguez ist ein Beispiel. Seine Geschichte steht stellvertretend für so viele Venezolaner und für das Versagen eines Staates.
Der Niedergang des ölreichsten Landes der Welt – mit größeren Vorkommen als Saudi-Arabien – begann mit der Wahl von Präsident Nicolás Maduro im März 2013. Der Ölpreis rasselte am Weltmarkt in den Keller. Die Wirtschaft stagnierte. Der Grund alleine wäre eine Ausrede, schimpft Rodríguez. „Das wäre billig. Da wären andere Länder auch den Bach runtergegangen.“ Nein, es lief viel mehr falsch. Etwa die Verstaatlichungen von Unternehmen wurden zum Desaster. Und über alldem schwebte der Gestank von Korruption.
Sechs Jahre später liegt der Staat mit seinen Katalog-Stränden und der Traum-Natur am Boden. Fast zerstört. Sämtliche Systeme kollabieren: Der Sicherheitsapparat versagt. Exekutive und Streitkräfte handeln willkürlich, viele sind krimineller als Kriminelle. Die Infrastruktur ist eine Katastrophe. Immer wieder kommt es zu schwerwiegenden Stromausfällen – wie der jüngste Blackout, der das ganze Land im Dunkeln und weitläufig ohne Wasser und Gas ließ. Die medizinische Versorgung ist schlimmer als in der Dritten Welt und einfache Krankheiten werden zum Todesurteil. Kranke werden in Krankenhäusern im schlimmsten Fall noch kränker. „Wir beten täglich, dass wir gesund bleiben. Jeder fürchtet sich davor, in eine Klinik gebracht zu werden“, erzählt Rodríguez abwesend. Seine Konzentrationsfähigkeit leidet. Er ist lethargisch und erschöpft. Er ist es leid, über das Leid zu erzählen. Trotzdem: Abwandern, wie es mehr als dreieinhalb Millionen Venezolaner bereits getan haben, kommt nicht in Frage. Die Familie, in Südamerika oft die Lebensabsicherung, könne er nicht zurücklassen. Der Bub seiner Lebensgefährtin ist krank. Um sie sorgt er sich und läuft regelmäßig die Apotheken der Hauptstadt ab, um für seinen Ziehsohn Medikamente zu suchen. Fündig wird er selten. Medikation ist kaum verfügbar oder nicht leistbar. Wie auch? 20.000 Bolívares, sechs Dollar, kostet eine Antibiotika-Tablette. Eine einwöchige Therapie ist nicht finanzierbar. Vitamintabletten gibt es längst nicht mehr. Einzig Benzin ist noch verfügbar und spottbillig. Weniger als eine Banane kostet eine Tankfüllung. Die Anzahl an Fahrzeugen ist dennoch inzwischen relativ gering. Ein Öl- oder Reifenwechsel verschlingt einen Jahreslohn. Ein Grund, warum der Venezolaner seinen Pick-up kürzlich verkaufte. Zum Sonderpreis. Jetzt fährt er Bus und Metro, auf die er durchschnittlich zwei Stunden warten muss.
Über der Schlange an der Bushaltestelle kreist ein schwarzer Helikopter. „Die Maduristas kommen von ihrer Einkaufstour aus dem Ausland zurück.“ Auf die Präsidenten-Sympathisanten hegt Rodríguez Groll. Misswirtschaft, Drogen- und Ölgeschäfte hätten einigen den Reichtum beschert. Den lebt die Elite auf Hügeln in schmucken Wohnanlagen mit privatem Wachpersonal, mit Blick auf das verwahrloste Stadtzentrum aus. „Von unserer Not bekommt die Parallelwelt wenig mit“, ächzt der Hagere und stapft in zerlumpten Schuhen und löchrigen Hosen im Gänsemarsch mit anderen Fahrgästen zum klapprigen Bus. Den Kampf ums Überleben, den ein Großteil der Bevölkerung täglich zu gewinnen versucht, ist grauenhaft. Die Charakterzüge des Karibikstaats und die Fröhlichkeit, Heiterkeit und Unbeschwertheit der Leute seien verloren gegangen. „Wir Venezolaner sind zerstört. Wir haben unsere Seele verloren“, sagt Miguel Rodríguez mit leiser Stimme und leeren Augen. „Ich hoffe, wir bekommen sie eines Tages wieder zurück.“
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