Neuer Knecht-Roman: In der Welt verloren gegangen
Schriftstellerin Doris Knecht erzählt in ihrem neuen Roman „weg“ über das Verschwinden von geliebten Menschen und davon, was geschieht, wenn der Zweifel an den eigenen Lebensentwürfen nagt.
Von Gerlinde Tamerl
Innsbruck –Zwei junge Menschen wühlen sich durch Wiener Flohmarktware und plötzlich treffen sich ihre Blicke. Heidi, eine niedliche Deutsche, ist wegen ihrer Ausbildung nach Wien gekommen und natürlich imponiert ihr der coole, musikaffine Georg, der in einer – wie es heißt – „abgefuckten Bar“ kellnert. Die beiden kommen sich schnell näher, vielleicht zu schnell. Sie düsen auf Georgs Moped in die Weinberge und lieben sich dort, als gäbe es kein Morgen. Auf den Liebesrausch folgt jedoch die Ernüchterung: Heidi ist schwanger, aber auf keinen Fall dazu bereit, mit dem freiheitsliebenden Georg über eine „diskrete Beseitigung“ ihres „Problems“ zu verhandeln. Also kommt die kleine Charlotte zur Welt. Ein Schreibaby. Ein Kind, das vom ersten Atemzug an nicht „störungsfrei tickt und funktioniert wie alle anderen“. Die Beziehung scheitert, Heidi kehrt zurück nach Deutschland, beginnt ein neues Leben mit einem anderen Mann in einer biederen Reihenhaussiedlung. Auch Georg wagt einen Neubeginn und zieht mit der burschikosen Lea nach wilden Jahren in der Stadt zurück aufs Land, bekommt mit ihr zwei Kinder und übernimmt den elterlichen Gasthof.
Das ist die Grundkonstellation des neuen Romans von Doris Knecht, „weg“. Der Titel deutet schon an, dass hier einiges abhandengekommen zu sein scheint: die Leidenschaft, die Euphorie der Verliebtheit, die Freiheit der wilden Jahre, vielleicht sogar eine ganze Weltanschauung, das Fundament der eigenen Identität also. Knecht stellt ihre Protagonisten diesmal besonders nah an den Abgrund. An der gefährlichsten Stelle steht Heidi, denn ihre Familie zerbröselt wie poröses Gestein. Nach vielen Ehejahren mit Martin muss Heidi zum ersten Mal allein zurechtkommen. Martin, zuerst dick wie ein Bär, erfährt durch Joggen neue Glücksgefühle und läuft schließlich überhaupt weg, um sich an einer neuen Liebe zu erfreuen.
Die psychisch instabile Charlotte, mittlerweile zu einer jungen Frau herangewachsen, ist auch verschollen. Trotz ihrer Abwesenheit wird sie zur zentralen Figur des Romans, denn Mama Heidi will nur eines: ihre Tochter wiederfinden. Gekonnt beschreibt Knecht die Sorgen einer verzweifelten Mutter, die ihrem erwachsenen Kind hinterherrennt und ihr Umfeld mit inquisitorischen Fragen oder mit hysterischen Anrufen quält. Nervt diese unflexible Heidi-Mama mit ihren panischen Ängsten? Nein, denn ihre Sorgen sind wahrlich nachvollziehbar. Besonders tiefe Einblicke in die Psyche dieser Frau erfährt der Leser, als Heidi dazu gezwungen wird, ihr geordnetes Umfeld zu verlassen, denn ihre Tochter ist ins ferne Asien abgetaucht. Heidi reist ihr nach, und auch Georg nimmt den weiten Weg auf sich. Also schwingen sich die einander fremd gewordenen Eltern in gemeinsamer Mission auf ein Moped, um das Produkt ihrer einstigen Liebe wiederzufinden. Das Moped ist in diesem Roman mehr als nur ein Fortbewegungsmittel. Es spiegelt auch den Beziehungsstatus ihrer Benützer wider. So heißt es an einer Stelle: „Wie man auf einem Moped fährt: kommt darauf an, wo man geboren wurde, wie man lebt und wer man ist.“ In diesen variantenreichen wie kunstvollen Passagen thematisiert Knecht alle möglichen Beziehungskonstellationen, die entweder glücklich oder sehr unglücklich machen können. Georg und Heidi jedenfalls müssen gezwungenermaßen ein neues Miteinander finden, und daraus entsteht eine brisante Mischung zwischen totaler Abscheu und großer Nähe. Genau dieses Wechselspiel verleiht dem Roman seine Atmosphäre und offenbart, dass hinter bröckelnden Fassaden vor allem viele Fragen stehen.
„weg“ erzählt, was geschieht, wenn Lebensentwürfe ins Wanken geraten, und die Liebe sich davonschleicht. Und so legt Knecht Heidi den apodiktischen Satz in den Mund: „Wahrscheinlich ist Freundschaft letztlich wichtiger, die Menschen, die bleiben, wenn die Liebe vergeht.“ Dieser Roman vermittelt aber auch eine positive Botschaft, er zeigt, dass es sich lohnt, die eigenen Ängste zu überwinden, denn genau in dieser Lücke kann etwas beglückend Neues entstehen. Doris Knechts Figuren wagen diesen Schritt und sind damit verletzbarer, aber dafür umso näher bei sich selbst.
Kommentare