Briten: Was wir nach dem Brexit vermissen werden

Egal, wie: Der Brexit kommt näher. Anders als die Briten denken wir Resteuropäer an ganz andere, sehr konkrete Dinge, die uns nerven werden, wenn die Briten nicht mehr Teil der EU sind.

Die Brexit-Befürworter demonstrierten vergangene Woche vor dem britsichen Parlament.
© AFP

Fußball auf höchstem Niveau

Auf der rechten Seite dribbelt sich der Portugiese Bernardo Silva durch die Abwehrreihen, sein Pass findet den Deutschen Leroy Sané, der wiederum den argentinischen Torjäger Sergio Agüer­o bedient. An der Seitenlinie jubelt der katalanische Coach Pep Guardiola über einen Treffer des englischen Titelträgers Manchester City, der Fußball-Stars aus aller Welt in seinem Team versammelt.

England gilt als Mutterland des Sports, in Sheffield wurden 1863 erstmals die Regeln eines Spiels festgeschrieben, das weltweit Menschen bewegt und begeistert. 156 Jahre später ist die Premier League, die höchste englische Fußball-Liga, der Nabel dieser Fußball-Welt. Sie lukriert das meiste Geld. Sie hat die größten Stars. Sie ist spannend – kurz gesagt: Fußball-Europa kommt an der Premier League nicht vorbei. Doch über der „besten Liga der Welt“ schwebt der Brexit wie ein Damoklesschwert. Denn auch Fußballer sind Arbeitnehmer. Und nach aktuellem Stand würde es deutlich schwerer, Stars aus dem europäischen Ausland zu verpflichten. Auch wenn Geld keine Rolle spielt. Für eine Liga, die sich vor allem über die Fülle an Stars definiert, wäre das ein Tiefschlag. So wie auch für viele Tiroler Fußball-Enthusiasten, die regelmäßig ins Flugzeug steigen, um im Stadion dabei zu sein. Von Arsenal bis West Ham hat fast jeder Premier-­League-Verein einen österreichischen Fanclub. Die Reisen könnten komplizierter, die Qualität des Lieblings-Teams geringer werden. Fußball-England hofft, die Fans zittern mit. (t.w.)

Der Kroate Dejan Lovren (r.) gegen den Argentinier Sergio Agüero – die Premier League steht für Internationalität.
© imago sportfotodienst

Ein „Brekshit“ fürwahr

Ach, Britannia! Sie haben uns Festlandeuropäern auf „the Continent“, wie das bei Ihnen so spürbar distanziert heißt, die Beat­les gegeben und die Stones, Freddie mit Queen, Clapton, Bowie und Cocker, Oasis, Adele, Coldplay und natürlich Monty Python. Wer ein paar Brocken Englisch über die Lippen brachte, wartete gespannt auf das nächste große Ding, das in Sachen U-Musik über den Ärmelkanal herüberschwappte.

London, aber auch Manchester oder Glasgow waren ihrer Zeit voraus. Im Londoner West End liefen Shows, die Jahre später international für Furore sorgten. Und das soll nach dem chaotischen Hinausstolpern aus der Union bald vorbei sein? Unmöglicher Gedanke!

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Die milliardenschwere Musikindustrie Großbritanniens zittert freilich. Sie hat prächtig an den Fans im Ausland verdient. Jetzt aber drohen neue Handelshindernisse, und auch auf Grenzkontrollen müssen sich Bands mit Herkunft UK in der EU wieder einstellen. Einfacher wird das Touren auf diese Weise sicher nicht.

Das sonst oft zu Recht gescholtene Internet ist in diesem Fall wirklich nützlich: Streamings und Podcasts und Videoportale werden uns „in touch“ damit halten, was auf der Insel so abgeht.

Ihre Künstler, dear Britannia, sind in der Frage „Should I Stay or Should I Go“ total gespalten. Nigel Kennedy, der famose Geiger im ungewöhnlichen – eben typisch britischen – Outfit, hat die treffendste Bezeichnung gefunden. Für ihn ist der „Brexit“ schlicht ein „Brekshit“. (mark)

© imago stock&people

Kult im Schatten des Brexits

Es mag zwar sein, dass die ersten wichtigen Punk-Rock-Bands aus New York kommen. So richtig zu einer Bewegung gemacht haben den Punk aber die Briten, und zwar definitiv in London. Vertrau keinem, und schon gar nicht dem herrschenden bürgerlichen Establishment, lautet die dazu­gehörige Lebenseinstellung (passt irgendwie zum Brexit-Verhalten der Briten).Gepaart mit den Klängen der Sex Pistols und viel Alkohol gehörte modisch Merkwürdiges samt Nieten und zerfetzten Jeans zum Programm. Und, ganz wichtig für beide Geschlechter gleichermaßen: Dr. Martens.

Von Millionen Menschen in aller Welt als „Docs“ verehrt, ist diese Schuh­marke längst Kult. Sie steht für ein­e unkonventionelle Lebenseinstellung. Seit ein paar Jahren werden die robusten Treter als „The Vintag­e Collectio­n“ wieder in England hergestellt und nur noch ein Teil in Asien. Es wäre schade, wenn es nach dem Brexit nur noch ausgetretene Docs im hiesigen Secondhand­laden geben würde, weil neue Teil­e wegen hoher Zölle unerschwinglich teuer werden oder es nervend lang­e Lieferzeiten gibt.

Viel Kritisches zum Brexit sagt auch die britische Mode-Ikone Vivienne Westwood. Einst selbst Punk-Lady, ist sie nie um ein politisches Statement verlegen und nutzte die London Fashio­n Week für einen plakativen textilen Brexit-Protest. Noch gilt London als Hochburg für modisch­e Diversität und radikale Designs. Aber was passiert nach dem Brexit? Und was wird mit Onlineshopping aus England? Wenig stören wird die meisten von uns, wenn es „Goodbye, fish and chips“ heißt. Das hat sich hierzulande genauso wenig durchgesetzt wie klebrig-würzige Brotaufstriche. Biertrinker werden sich bei einem London-Besuch aber an eine geringere Auswahl gewöhnen müssen – Importbier wird für Briten teuer. Immerhin bleiben uns die Koch­bücher von Starkoch Jamie Oliver. (lipi)

Die Faszination der Krone

Wer an Großbritannien denkt, denkt an „Queen“. Nicht die 1970 gegründete Rockband, sondern Elizabeth II.: 92-jähriges Oberhaupt der britischen Royals. Am längsten herrschende britische Monarchin. Farbklecks im oft verregneten Königreich. Nicht zu vergessen die Queen als solarbetriebene Deko-Figur im Wink-Modus.

Die Queen mag ein Grund sein, dass Millionen von Touristen nach Großbritannien pilgern. Die Royals und ihre großen und kleinen Dramen bewegen aber auch das Netz und Gazetten in der ganzen Welt. Kaum ein anderes Königshaus steht so sehr in der Öffentlichkeit. So sehr, dass es erst unlängst Benimm-Richtlinien für sein­e Social-Media-Kanäle veröffentlicht hat. Wenn dieser Tage die Touristik-Webseite TripAdvisor die beliebtesten Reiseziele 2019 laut den Bewertungen der Reisenden präsentiert, überrascht es daher wenig, dass London an erster Stelle liegt.

Prinz Harry und Herzogin Meghan erwarten in den nächsten Wochen ihr erstes Kind.
© imago stock&people

Die Hochzeit von Prinz Harry und Meghan Markle im Vorjahr dürfte dazu beigetragen haben. Bei Erlebnissen rund um Buckingham Palace und Schloss Windsor gab es nachweislich deutliche Buchungsanstiege. Vom „Royal Wedding“-Effekt ist die Rede. Zum Glück kommt jetzt auch noch bald ein „Roya­l Baby“. (i.r.)


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