Schauspieler Selenskyi war im TV schon Präsident der Ukraine

Kiew (APA/Reuters) - In einer der beliebtesten ukrainischen Fernsehserien spielte er bereits den integren Präsidenten, der unbeirrt korrupte...

Kiew (APA/Reuters) - In einer der beliebtesten ukrainischen Fernsehserien spielte er bereits den integren Präsidenten, der unbeirrt korrupten Politikern und zwielichtigen Geschäftsleuten die Stirn bietet. Für den Schauspieler und Komiker Wolodymyr Selenskyj wird die Fiktion nun zur Wirklichkeit. Der 41-Jährige hat die Stichwahl am Sonntag laut ersten Prognosen mit haushohem Vorsprung vor Amtsinhaber Petro Poroschenko gewonnen. Besonders die Ukrainer unter 35 Jahren trauen dem Quereinsteiger zu, das von Krieg im Osten und wirtschaftlicher Misere gebeutelte Land wieder auf Kurs zu bringen und aus dem Sumpf der Korruption zu ziehen.

Selenskyj mimte im TV in „Diener des Volkes“ einen Geschichtslehrer, dessen heimlich gefilmte und mit Kraftausdrücken gespickte Tirade über die Zustände in der Ukraine und gegen die korrupte politische Klasse zu einem viralen Hit wird und ihn schließlich ins Präsidialamt befördert. Der Hauptdarsteller entspricht genau der Vorstellung vieler Zuschauer für ihren realen Präsidenten, den sie sich seit der Unabhängigkeit ihres Landes 1991 wünschen.

Die Popularität Selenskyjs passt gut in eine Zeit, in der die Wähler überall auf der Welt das politische Establishment kritisieren und Populisten auf dem Vormarsch sind. Die Kandidatur erinnert an den italienischen Komiker Beppe Grillo, der einst die mittlerweile regierende 5-Sterne-Bewegung in Italien gründete. Der Politiker und Journalist Sergej Leschtschenko vergleicht Selenskyj mit US-Präsident Donald Trump. „Sie sind beide TV-Stars, sie verkaufen den Menschen einen Traum (...) die Menschen haben die Nase voll von der alten Politiker-Kaste.“

Kritiker bemängeln, Selenskyj sei politisch unerfahren. Aber genau darin sieht er selbst sein Erfolgsrezept. „Ich bin ein frisches Gesicht. Ich habe nie etwas mit Politik zu tun gehabt“, sagte er in einem Reuters-Interview auf die Frage, was ihn von den anderen Kandidaten unterscheidet. Mit seinem Programm hält sich Selenskyj eher bedeckt. Er setzt darauf, dass die Ukraine bald nicht mehr auf milliardenschwere Kredite des Internationalen Währungsfonds (IWF) angewiesen sein wird, verrät aber nicht, wie das funktionieren soll. Die grassierende Korruption will er bekämpfen, den Krieg im Osten beenden, konkret äußert er sich dazu aber nicht.

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„Ich habe keine Menschen enttäuscht. Sie können sich mit mir identifizieren, weil ich offen und verletzlich bin, weil ich wütend werde“, sagt Selenskyj, der auch mehrere TV-Shows moderiert. „Ich verstecke meine Gefühle nicht vor der Kamera, ich versuche nicht, anders auszusehen. (...) Wenn ich etwas nicht weiß, dann gebe ich es ehrlich zu.“

Ein paar Kratzer hat sein sauberes Image aber schon. Er muss sich gegen den Vorwurf verteidigen, eine Marionette des Oligarchen Ihor Kolomojskyj zu sein, dem der TV-Sender 1 + 1 gehört, der Selenskyjs Shows ausstrahlt. Der Moderator bekräftigt, die Beziehungen zu Kolomojskyj seien rein beruflich. Im Falle einer Wahl werde er auch die Verstaatlichung der größten Bank der Landes, der PrivatBank, nicht rückgängig machen. Kolomojskyj war einst Hauptaktionär des Geldinstituts, dem Geldwäsche und Betrug im großen Umfang vorgeworfen wurden. „Ich bin doch nicht verrückt“, sagt Selenskyi. „Ich will doch nicht mein Leben und meinen Ruf verlieren.“

(Alternative Schreibweise Wladimir Selenski)


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