„Magic Afternoon“: Todbringende Liebe am Nachmittag

Wolfgang Bauers „Magic Afternoon“ am Theater in der Josefstadt.

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Birgit (Gioia Osthoff) und Charly (Matthias Franz Stein) suchen das „aufregende Leben“ in der Wohnzimmer-Enge.

Von Bernadette Lietzow

Wien –Die unverdauliche Welt landet im Orkus. Wenn Joe und Charly den kleinen Globus im Klo versenken, haben sich zum Alkohol schon Joints gesellt und Joes Freundin Monika weilt mit gebrochener Nase im Krankenhaus. Das Hochfest der existenziellen Langeweile geht jedoch weiter – bis zur finalen Eskalation. Im Juchee der Josefstadt, der über den historischen Sträußelsälen gelegenen Probebühne, gibt man Wolfgang Bauers 1968 in Hannover uraufgeführten Einakter „Magic Afternoon“.

Gioia Osthoff (Birgit) und Matthias Franz Stein (Charly), Anna Laimanee (Monika) und Igor Karbus (Joe) sind die Twenty-somethings-Paare, die sich dem Wirtschaftswunder-Szenario der Eltern wie dem Erwachsenwerden verweigern und künstlerisch dilettierend das große Nichts feiern. „Beschissen, aber intensiv“ ergeben sie sich in der schwülen Gewitterstimmung, Stichwort „Luft wie bei Tennessee Williams“, allerlei Spielchen. Osthoff und Stein zelebrieren kunstfertig die unendliche Sackgasse, in die ihre Beziehung geraten ist.

Das Liebesspiel geht mit Gewalt einher und wenn die Suhrkamp-Taschenbücher fliegen, ist das weniger alkoholgeschwängerter Übermut als tragischer Kommentar zum eigenen Scheitern als angehende Schriftsteller. Ebenso bedrückend ist Monikas und Joes seltsam vertraute Fremdheit, die Laimanee und Karbus glaubhaft bebildern.

Dem jungen Regisseur Florian Thiel ist eine erstaunlich frische Interpretation des einstigen Skandalstücks gelungen, mit der er Wolfgang Bauers Fragestellungen am Heute andockt, ohne die Entstehungszeit des Dramas zu leugnen. Rote Vintage-Fauteuils, Wahlscheiben-Telefon und Schallplattenstapel sind Fingerzeige in die Sixties, könnten aber ebenso Versatzstücke zeitgenössischer Millennial-WGs sein (Bühne, Kostüme: Alina Amman).

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Pola Schultens großartige Live-Musik frisiert Beatles-Klassiker gegen den Strich, und wenn Charly und Joe im Rausch derb blödeln, kommt auch Beatboxing zum Einsatz. Die streckenweise durchaus komische Verzweiflung, gepaart mit Brutalität, können vor allem Stein und Karbus lustvoll ausspielen.

Gioia Osthoff beeindruckt als letztendlich fatal Konsequenteste, wenn sie Joes Vergewaltigungsversuch mit einem tödlichen Bauchstich abwehrt und geht.


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