ORF distanzierte sich von Böhmermann: Autoren üben Kritik

„Wir distanzieren uns von der Bevormundung des Kulturpublikums durch den ORF“, kritisieren prominente Autoren in einem Schreiben. Der ORF hatte sich von Aussagen Böhmermanns in einem Interview distanziert.

Jan Böhmermann.
© APA/dpa/Rolf Vennenbernd

Wien — Prominente Autoren rund um Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek haben an der Distanzierung des ORF von den Äußerungen Jan Böhmermanns scharfe Kritik geübt. Auch distanzieren sich die Autoren in dem der APA vorliegenden Schreiben von „Selbstzensur" und bestehen auf der „Mündigkeit des Publikums".

„Wir distanzieren uns von der Distanzierung des ORF von den Äußerungen Jan Böhmermanns in seinem Interview mit dem ORF in der Sendung 'Kulturmontag' am 6.5.2019 anlässlich seiner Ausstellung im Grazer Künstlerhaus", heißt es in der Erklärung. „Wir distanzieren uns von der Bevormundung des Kulturpublikums durch den ORF, der meint, ihm erklären zu müssen, wie es die Äußerungen Böhmermanns zu verstehen hätte."

Auch Ruiss, Zeilinger und Menasse unterzeichneten

Unterzeichnet wurde das Schreiben neben Jelinek von den Autoren Gerhard Ruiss, Gerhard Zeillinger, Eva Menasse, Kathrin Röggla, Doron Rabinovici und Marlene Streeruwitz. Bezug genommen wurde auch auf Anzeigen gegen Böhmermann durch die Wiener Anwaltskanzlei von Wolfgang List, der eine Herabwürdigung des Staates gegeben sah.

„Wir distanzieren uns von Selbstzensur und Zensur, auch wenn sie nicht als solche verstanden werden will", erklärten die Autoren weiters. Und: „Wir bestehen auf Mündigkeit des Publikums. Wir bestehen auf dem Recht eigenständigen Denkens und Handelns, ohne Zwangsrekrutierungen."

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Die Moderatorin des „Kulturmontag", Clarissa Stadler, hatte sich von regierungskritischen Aussagen des deutschen Satirikers Böhmermann in einem Interview distanziert. ORF-TV-Kulturchef Martin Traxl erklärte danach, es habe „keinerlei Druck von innen oder außen" dazu gegeben, sondern die Redaktion habe sich angesichts des höchstgerichtlichen Urteils zur „Nestroy"-Gala-Übertragung 2002 dazu entschieden.

ORF wollte sich von „unsachlichen" Äußerungen distanzieren

Demnach sei der ORF — der dem Objektivitätsgebot unterliegt — verpflichtet, sich von unsachlichen Äußerungen Dritter in seinen Sendungen zu distanzieren. Mit Stadlers Anmerkung habe der ORF also „nichts anderes getan als medienrechtliche Vorgaben einzuhalten".

Böhmermann hatte u.a. mit einer Weiterentwicklung eines Zitats aus Thomas Bernhards „Heldenplatz" für Aufregung gesorgt. Angesprochen auf den dortigen Befund, Österreich bestehe aus „sechseinhalb Millionen Debilen und Tobsüchtigen" merkte der deutsche Satiriker an, dass sich das Rad der Zeit ja weiterdrehe — es somit jetzt „acht Millionen Debile" wären, und der Ruf nach autoritärer Führung sei immer noch sehr laut. (APA)


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