Sprudelnd und majestätisch durch Böhmens Hain und Flur
Die Bamberger Symphoniker unter ihrem Chefdirigenten Jakub Hru˚ša im Meisterkonzert mit Smetanas „Mein Vaterland“.
Von Ursula Strohal
Innsbruck –„Meine Erinnerungen an Smetana gleichen der Vorstellung, die Kinder vom lieben Gott haben: Ich stand im Konzert auf der Sophieninsel ganz nahe beim Orchester. Man hatte gerade seine Komposition beendet, und ein ohrenbetäubendes Getöse gipfelte im Namen Smetana! Plötzlich verdichtet sich um mich herum die Menge … Sie geleitet den kranken Meister die Stufen empor. In meinem Gedächtnis bleibt mir für immer sein Antlitz haften.“
Diese Erinnerung barg der tschechische Komponist Leoš Janácˇek und feierte den älteren Kollegen, der, leidenschaftlicher Vertreter der tschechischen Nationalbewegung, in seiner Kunst mit einer natürlich strömenden Musik, erfüllt von melodischem, melancholischem Zauber, zu einem tschechischen Nationalstil gelangt war.
Die Bamberger Symphoniker haben am vergangenen 12. Mai, dem Todestag Friedrich Smetanas, unter ihrem Chefdirigenten Jakub Hru˚ša den „Prager Frühling“ traditionell mit Smetanas symphonischem Zyklus „Mein Vaterland“ eröffnet und das Programm nun in Innsbruck wiederholt. Der Tscheche Hru˚ša, nicht umsonst von den großen Orchestern und Opernhäusern begehrt, hat die sechs Stücke im Blut, führt, ganz im Klang, in der Stuktur, mit flexiblen Tempi ebenso leidenschaftlich wie sensitiv durch die bekannten Gefilde und schafft, bei aller Straffheit, Raum zum Musizieren: dem weichen Streichersound, dem güldenen Blech, dem singenden Holz.
Er schattiert Smetanas reiche Harmonik, beschwört mythische Stimmungen, führt beschwingt, manchmal auch lächelnd, durch die Landschaft. Wo Smetana entsprechend komponiert, wird Hru˚ša am Periodenende nachsinnend leise, um dann den Spannungsbogen neu aufzubauen.
Die Bamberger folgen ihm bis in die Verästelungen: historisch von der Burg „Vyšehrad“ bis zu „Tábor“ und „Blaník“, in den idyllischen Melodienreichtum von „Böhmens Hain und Flur“ samt dem Verlauf der „Moldau“, zur Dramatik der mörderischen Amazonen um die Maid Šarka. Die „Moldau“, deren Beginn so sehr dem Anfang des letzten Satzes von Schuberts Klaviersonate in a-Moll, D 784, ähnelt, hat zwei starke Quellen, die sprudelnd und glitzernd zum Fluss werden, frisch, lebendig, majestätisch und von erstaunlichem Nuancenreichtum. Hru˚ša beschert neue Hörerlebnisse.
Smetana, zur Zeit der Komposition schon taub, hat mit dem Dichter Zeleny die Inhalte zu den sechs Tondichtungen erzählt, freilich nicht, um Naturalismus zu fixieren: „In diesen symphonischen Dichtungen habe ich mir erlaubt, eine eigene Form festzusetzen, eine ganz neue. Deshalb erschrecken sie wohl diejenigen, die vom Fortschritt in der Kunst nichts hören wollen …“ In diesem Sinn ließen Hru˚ša und die Bamberger „Mein Vaterland“ auch als Empfindungsporträts hören.
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