Neuwahl - Außenministerin Karin Kneissl kann vorerst weitertanzen

Wien (APA) - „Ich fürchte mich vor Glatteis und dummen Menschen in hohen politischen Positionen“, sagte Karin Kneissl 2016 und zog wenig spä...

Wien (APA) - „Ich fürchte mich vor Glatteis und dummen Menschen in hohen politischen Positionen“, sagte Karin Kneissl 2016 und zog wenig später als parteifreie Kandidatin auf FPÖ-Ticket ins Außenministerium ein. Stets bemüht, ihre Unabhängigkeit von den Freiheitlichen zu betonen, soll die Nahost-Expertin nach dem Ibiza-Video um den zurückgetretenen FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache nun vorerst im Amt bleiben.

Die frühere Mitarbeiterin des honorigen und kürzlich verstorbenen ÖVP-Außenministers Alois Mock wurde am 18. Jänner 1965 in Wien geboren und verbrachte Teile ihrer Kindheit in Amman. Ihr Vater war dort als Pilot von König Hussein von Jordanien tätig. Nach einem Jus- und Arabistikstudium an der Universität Wien recherchierte sie für ihre Dissertation in Völkerrecht über den Grenzbegriff der Konfliktparteien im Nahen Osten, unter anderem an der Hebräischen Universität von Jerusalem und an einer Hochschule in Amman.

1990 trat sie in das Außenministerium der Republik Österreich ein. Bis 1998 wirkte sie dort unter anderem im Kabinett des damaligen Außenministers und im Völkerrechtsbüro. Kneissl besetzte in Folge auch Auslandsposten in Paris und Madrid. Im Herbst 1998 schied sie aus eigenem Antrieb aus dem diplomatischen Dienst aus und arbeitete seither als freie Journalistin für deutsch- und englischsprachige Printmedien sowie als freiberufliche Expertin. Einer breiten Öffentlichkeit wurde sie so durch ihre politischen Analysen im ORF bekannt.

Einige ihrer Aussagen am Höhepunkt der Flüchtlingsbewegung 2015 fanden bei den Freiheitlichen Anklang, die sie zunehmend zu Veranstaltungen einluden. Im Jahr 2016 überlegte der damalige FPÖ-Obmann Strache, die polyglotte Expertin als Präsidentschaftskandidatin zu nominieren, Kneissl lehnte ab. Damals war ihr geistige Unabhängigkeit wichtiger. Heute fühlt sich die im Jänner 2017 angelobte Außenministerin als „unabhängige Expertin“ verpflichtet, „gerade jetzt weiterhin zur Verfügung zu stehen“, wie sie am Dienstag erklärte.

Auf dem diplomatischen Parkett scheint sich Kneissl wohlzufühlen - im wahrsten Sinne des Wortes. Bilder vom Tanz mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin samt Knicks bei ihrer Hochzeit im vergangenen August gingen um die Welt. Kritik an dem privaten Politikspektakel perlte bei ihr ab. Bei einem informellen EU-Außenministertreffen in Wien drehte sie nach eigenen Angaben mit einigen ihrer Kollegen Bosa-Nova- und Samba-Runden. Das sei ein Beispiel, dass „Diplomatie mehr sein kann, als sich wechselseitig Policy-Briefing-Notes um die Ohren zu hauen“, erklärte Kneissl danach und zeigte stolz ihren Hochzeitsring.

Mitte August 2018 hatte Kneissl den Unternehmer Wolfgang Meilinger in der Südsteiermark geheiratet. Das Ehepaar lebt in Seibersdorf bei Wien, wo sie zwischen 2005 und 2010 auch als Gemeinderätin tätig war. Auf auf ihrem Bauernhof beherbergt sie mehrere Tiere. Ihre Hunde, „Kennedy“ und „Churchill“, begleiteten die Außenministerin auf mehreren Terminen. Selbst ihre Enten „Donald“ und „Ivanka“ sowie ihr Entenstall „Washington“ sorgten für Gesprächsstoff in Moskau.

Seit 1998 war Kneissl auch im akademischen Bereich umtriebig. Sie unterrichtete unter anderem an der Diplomatischen Akademie Wien sowie als Gastlektorin an der Landesverteidigungsakademie, der Militärakademie in Wiener Neustadt und an Universitäten im Libanon, etwa auf der frankophonen Universite Saint Joseph in Beirut. Zuvor wirkte sie auch zehn Jahre am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien. Sie schrieb bisher unter anderem für die Tageszeitungen „Die Presse“ (als Slowenien-Korrespondentin), die „Kronen-Zeitung“ und die „Neue Zürcher Zeitung“ (NZZ). Sie ist auch Autorin mehrerer Fachpublikationen und Sachbücher, unter anderem auch zu China.

Ihre Rolle der Lehrenden und Publizistin konnte sie selten abstreifen, das Verhältnis zu Medien war nicht zuletzt deshalb vor allem zu Beginn schwierig. Vermeintlich unliebsame Fragen konterte sie laut Journalisten mit Anekdoten, Zurechtweisung oder dem Verweis auf ihre Publikationen, Erfahrungen und Kenntnisse. Kritik Kneissls: Fragen zur FPÖ wolle sie aufgrund ihrer Unabhängigkeit nicht kommentieren, sie sei „operativ tätig“. Mit der Zeit dürften sich die Außenministerin und die Medien aneinander gewöhnt haben. Ihr bevorzugtes Kommunikationsmittel sind nach eigenen Angaben dennoch Gastkommentare.