Musik

Dunkel-herbe Trauer und gelöste Farblandschaft

Das exzellente Pavel Haas Quartett beim Festival „Musik im Riesen“ in Wattens.
© Swarovski Kristallwelten

Der Riese hat Schostakowitschs Trauergewalt und Dvoráks Heimkehrergröße entlassen. Aus seinem Bauch befreit, dem niedergedrückten, neongestr...

Der Riese hat Schostakowitschs Trauergewalt und Dvoráks Heimkehrergröße entlassen. Aus seinem Bauch befreit, dem niedergedrückten, neongestrichelten Raum, der viele bedeutende Konzerte des „Musik im Riesen"-Festivals bisher barg, nicht immer zum Vorteil. Nun bekam am Freitag das tschechische Pavel Haas Quartett mit der Schleifhalle der Swarovski-Werkstätten im nüchternen, unbehübschten Fabriks­ambiente unerwartete Freiheit für sein Musizieren, das vollmundige Brillanz und musikantisches Stürmen ebenso einschließt wie lichtdurchflutete, fragile Klänge, beides kompositionsbezogen ungemein nuancenreich. Die Interpretationen werden weder demonstrativ beschwert noch beiläufig serviert. Es ist ein zutiefst kundiges, empathisches, perfekt ausbalanciertes, fesselndes Spiel.

Die Streichquartette Nr. 7 in fis-Moll, op 108 und Nr. 8 in c-Moll op. 110 von Dmitri Schostakowitsch konnten so in ihrer herben, unsentimentalen Trauer nach dem Tod der Ehefrau (Nr. 7) und der monologischen Introvertiertheit des auf sich selbst verfassten Requiems (Nr. 8) entstehen. Die Stücke bergen spitze Schärfe, Verzweiflung, Einsamkeit, Tagebücher des Leidens. Das Pavel Haas Quartett hämmerte im c-Moll-Werk die aus Wagners „Götterdämmerung" zitierten Trauerschläge, spürte atemberaubend den Linien über Ostinato-Wirkungen nach und der vom Komponisten hier offen erklärten Mehrdeutigkeit.

Der kühle Technikraum hat auch die hier nötige Abgeschiedenheit des Hörens gewährt.

Dann öffnete das Quartett mit dem op. 105 in As-Dur die Farblandschaft des 1895 aus Amerika heimgekehrten Antonin Dvorák. Da sind, in fester Zeichnung und gelöster Stimmung, in Dankgesängen und ins Religiöse vertiefter polyphonischer Stimmführung, Heimatklänge auszumachen, aber das Pavel Haas Ensemble geht ja schon lange dem Komponisten auf den Grund. Demonstrierend, dass Dvorák außer als tschechischer auch als europäischer Komponist zu hören ist, in eigenständiger Entwicklung, Konzeption, Facettenreichtum und seiner vergleichsstarken Souveränität. (u.st.)