EU-Wahl - Von Mussolini-Urenkel bis zum somalischen Flüchtling

Brüssel (APA/AFP) - Ein Flüchtling aus Somalia, der sich für Umweltschutz einsetzt, ein inhaftierter Katalane, eine polnische Transsexuelle:...

Brüssel (APA/AFP) - Ein Flüchtling aus Somalia, der sich für Umweltschutz einsetzt, ein inhaftierter Katalane, eine polnische Transsexuelle: Einige Kandidaten für die Europawahl fallen aus dem Rahmen.

YANIS VAROUFAKIS

Auf dem Höhepunkt der griechischen Schuldenkrise im Jahr 2015 hat er dem damaligen deutschen Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) die Stirn geboten. Vier Jahre später stellt sich Griechenlands Ex-Finanzminister Yanis Varoufakis ausgerechnet in Deutschland zur Wahl. Der 58 Jahre alte Wirtschaftswissenschaftler führt die Liste Demokratie in Europa an. Die Partei gehört zu der internationalen Anti-Globalisierungsbewegung DiEM25. Der Grieche kandidiert in Deutschland, weil das Bundesverfassungsgericht 2014 die Drei-Prozent-Sperrklausel abgeschafft hat - so können auch Splitterparteien Abgeordnete ins Europaparlament entsenden. Listenzweite ist übrigens die Österreicherin Daniela Platsch.

ORIOL JUNQUERAS

Der inhaftierte ehemalige katalanische Vize-Präsident Oriol Junqueras ist Spitzenkandidat der Europäischen Freien Allianz (EFA), eines Zusammenschlusses regionaler Parteien aus mehreren Ländern. Er sitzt in Untersuchungshaft und wartet auf seinen Prozess. Wegen der Unterstützung des Unabhängigkeitsreferendums von 2017 drohen ihm bis zu 25 Jahre Gefängnis. Kandidieren durfte der 50-Jährige bei der Europawahl, weil er noch nicht verurteilt wurde. Der ehemalige Geschichtsprofessor gilt innerhalb der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung als großer Rivale von Carles Puigdemont. Junqueras genießt in Spanien einen gewissen Respekt, weil er im Lande geblieben ist - im Gegensatz zu Puigdemont, der in Belgien Zuflucht gesucht hat.

CAIO GIULIO CESARE MUSSOLINI

Caio Giulio Cesare Mussolini, ein Urenkel des italienischen Diktators Benito Mussolini, tritt für Fratelli d‘Italia (Brüder Italiens) an, eine kleine ultrarechte Partei. Der ehemalige U-Boot-Offizier leitet heute ein Unternehmen in den Arabischen Emiraten. Mussolini bezeichnet sich selbst als „Post-Faschisten“. Der 51-Jährige ist der Ansicht, dass er nicht wegen seines Nachnamens aufgestellt wurde, sondern wegen seines Vornamens - Caio Giulio Cesare ist die italienische Form von Gaius Julius Cäsar, dem einstigen römischen Feldherrn. Ob die Splitterpartei die in Italien gültige Vier-Prozent-Hürde schafft ist allerdings fraglich.

MAGID MAGID

Der 29 Jahre alte Somalier kam als Kind nach Großbritannien, wo er in einem Armenviertel der Industriestadt Sheffield aufwuchs. Magid kandidiert für die britischen Grünen und möchte im Europaparlament für Flüchtlinge eintreten. Im Wahlkampf trug er ein T-Shirt mit der Aufschrift „Immigrants Make Britain Great“ (Flüchtlinge machen Großbritannien groß). Magids Chancen, gewählt zu werden, waren allerdings sehr gering.

RACHEL JOHNSON

Rachel Johnson ist Kandidatin der kürzlich gegründeten Partei Change UK, die gegen den EU-Austritt Großbritanniens kämpft - und sie ist Schwester des Brexit-Hardliners und ehemaligen Außenministers Boris Johnson. Ihre Kandidatur richte sich keinesfalls gegen ihren Bruder, versicherte die 53-jährige Journalistin in einem Interview. Sie fühle sich aber verpflichtet, „aufzustehen und Farbe für etwas zu bekennen, woran ich glaube“. Ob Johnson der Einzug ins Europaparlament gelingt, bleibt abzuwarten. Denn neben Change UK traten in Großbritannien, wo der Urnengang bereits am Donnerstag stattfand, noch andere europafreundliche Parteien an: Auch die Liberaldemokraten und die Grünen warben für einen Verbleib in der EU.

ANNA GRODZKA

In der polnischen Parlamentsgeschichte hat Anna Grodzka bereits ihren Platz: 2011 wurde sie in dem sehr katholisch geprägten Land die erste transsexuelle Abgeordnete. Mit 65 Jahren versucht sie nun den Sprung ins Straßburger Parlament - auf der Liste der kleinen Linkspartei Razem (Zusammen). Doch auch ihre Chancen werden als sehr gering eingestuft. Grodzka wurde als Bub geboren und Krzysztof genannt. Doch sie versichert, sie habe schon schnell gemerkt, dass sie nicht das richtige Geschlecht hatte. Mit elf Jahren nannte sie sich in ihrem Tagebuch Anna. Dennoch heiratete sie noch als Mann und wurde Vater eines Sohnes. Erst nach der Scheidung im Jahr 2007 entschloss sich Grodzka zu einer Geschlechtsumwandlung. Anschließend beteiligte sie sich an der Gründung einer Organisation, die Transsexuelle berät.