Innsbruck auf die harte Tour: Ein Greenhorn beim Innsbruckathlon

Hindernisläufe erfreuen sich in den letzten Jahren immer größerer Beliebtheit. Grund genug also, sich den Hype einmal persönlich anzusehen. Der „Innsbruckathlon“ war die perfekte Teststrecke.

Vor der "Bio-Blockade" hatten diese Teilnehmer gut lachen - sie wussten, dass nicht mehr viel bis zum Ziel fehlte.
© GEPA pictures/ Amir Beganovic

Von Renate Perktold

Innsbruck — Eigentlich ist es faszinierend: Man könnte meinen, dass ein Lauf über elf Kilometer voll gespickt mit Kletter-, Kriech- und Schlammhindernissen viele Menschen abschreckt. Noch dazu, wenn die Strecke hinauf auf den Bergisel führt. Das, so denkt man sich, kann doch nur ein paar Verrückte anziehen. Tatsächlich muss es ziemlich viele Verrückte da draußen geben, denn im Startfeld beim ersten „Innsbruckathlon" drängen sich über tausend gut gelaunter Menschen, die auf den Startschuss warten, als wüssten sie nicht, was sie da erwarten wird. Qualen, blaue Flecken, Hautabschürfungen.

Abkühlung gefällig? Das Hindernis "Hupf in Gatsch" sorgte dafür, dass kein Teilnehmer trocken oder sauber ins Ziel einlief.
© GEPA pictures/ Patrick Steiner

Wo bin ich da bloß hineingeraten, frage ich mich noch verzweifelt, bevor der Startschuss fällt. Davonstehlen ist keine Option mehr. Teilnehmer aus 22 Nationen drängen sich hinter mir, vor mir, neben mir. Sie alle haben ein Ziel: Sie wollen am Ende des Tages mit dem heiß begehrten Finisher-Armband am Handgelenk nach Hause spazieren. „Beat the City" — das ist das Motto des „Innsbruckathlons": „Schlag die Stadt." Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Einer, der schon kurz nach dem Loslaufen aufzeigt, was auf die Innsbruckathleten zukommen wird.

Zuerst steht Kriechen auf dem Programm — bei einem Hindernis, das den wohlklingenden Namen „Highway to Hell" trägt. Die Strecke führt weiter über den Marktplatz, der ebenfalls von einem Kletter-Hindernis blockiert ist. Aufwärmen quasi.

Eigentlich könnte es so weitergehen, denke ich, bevor ich auch schon die Quittung dafür erhalte. Mit einem Sprung in das Hindernis „Hupf in Gatsch" ist das Aufwärmen nämlich vorbei. Ich sinke in dem schlammigen Wasser bis zur Brust ein und muss kurz die Luft anhalten, weil es richtig kalt ist. Drei Becken sind zu durchqueren, bevor man mit quietschenden, vor Schlamm triefenden Schuhen und bis auf die Knochen durchnässt weiter zur nächsten Qual eilen darf. Das Teilnehmer-Feld hat sich bereits etwas zerstreut, über die ÖBB-Remise zieht sich die Strecke fast schon gemütlich dahin. Zu früh gefreut: Bei der Basilika Wilten geht es dann langsam in luftigere Höhen, der Weg führt über den Hohlweg hinauf auf den Bergisel.

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Das begehrteste Accessoire des Tages: Ein Finisher-Armband.
© Perktold

Kaum jemand hält es hier im Laufschritt durch, dafür ist endlich mal Zeit für einen gemütlichen Plausch. Die Bequemlichkeit weicht dann aber wieder dem Ehrgeiz, als die Anwohner am Bergisel die Läufer lautstark anfeuern. Nach einer Labestation wartet dann die erste richtige Erholung: Doch die Wasserrutsche „Wave" ist ein kurzes Vergnügen — und ab jetzt geht es so richtig ans Eingemachte.

Während ich den Biergarten kriechend und problemslos hinter mich bringen, fange ich am Wiltener Platzl erstmals an zu fluchen. Über ein Seil sind gleich zwei riesige Holzpyramiden zu überwinden — und das ohne Absicherung, was mir aber erst bewusst wird, als ich mich für das Runterklettern mit einem Bein rüberschwingen muss. Ganz schön hoch hier.

An der "Perfekten Welle" führte kein Weg vorbei.
© GEPA pictures/ Amir Beganovic

Dann geht es Schlag auf Schlag. Die Hindernisse prasseln im Minutentakt auf uns ein. Am Landhausplatz warten gleich zwei davon, die aber binnen weniger Minuten geschafft sind. Die Stimmung in der Stadt ist schon gut aufgeladen, zahlreiche Schaulustige haben sich entlang der Strecke aufgestellt und schauen den Teilnehmern dabei zu, wie sie sich mühsam in Richtung Ziel quälen. Besonders dicht ist der Andrang in der Maria-Theresien-Straße, wo die „Perfekte Welle" wartet: Eine meterhohe Rampe, an der kein Weg vorbei führt. Links und rechts ist abgesperrt — wer hier nicht hochkommt, der kommt nicht weiter. Und das ist gar nicht so einfach, manche brauchen mehrere Anläufe. Zum Glück warten oben ein paar starke Teilnehmer, die helfend ihre Hände ausstrecken.

Euphorisiert laufen wir weiter, ich bin mittlerweile mit einer Gleichgesinnten unterwegs, die eben ihren größten Angstgegner überwunden hat. Meiner wartet noch — aber dazu später. Vorher müssen wir noch über die TT-Brücke. Wer hat sich die bloß ausgedacht? Die Anstrengung ist den Läufern jetzt langsam ins Gesicht geschrieben, die Stufen hinauf auf das Hindernis sind — wohl nicht ganz unabsichtlich — extra großzügig bemessen. Und hinunter müssen wir dann ja auch wieder. Das kostet tatsächlich einig Überwindung, immerhin führt die TT-Brücke über die Straßenbahnlinie. Zeit, die spektakuläre Aussicht zu genießen, bleibt leider nicht. Vor dem Goldenen Dachl wartet nämlich schon die nächste Herausforderung: Eine Mauer aus Stroh und Heu. Langsam weichen die Kräfte, aber zumindest riecht es hier gut.

Mehr stolpernd als laufend kämpfe ich mich weiter in Richtung Ziel. Jetzt ist es nicht mehr weit, das weiß ich. Ich weiß aber auch, dass jetzt erst jenes Hindernis lauert, vor dem ich seit Wochen gedanklich wirklich großen Respekt habe: Monkeyland. Dabei müssen sich die Teilnehmer mehrere Meter über ein Gerüst hangeln. Wer es nicht schafft — und das sind einige — stürzt ins eiskalte Wasser. Zum Glück lassen mich meine Arme nicht im Stich, mit Hilfe der anfeuernden Zuschauer schaffe ich es irgendwie ins Trockene. Vor lauter Glück vergesse ich beinahe aufs Weiterlaufen. Ein letztes Hindernis noch vor dem Ziel, wo das Finisher-Armband auf mich wartet. Ein bisschen kann ich jetzt verstehen, warum man sich diese Qualen freiwillig antut. Das Gefühl im Ziel ist unbeschreiblich. Ich hab dich geschlagen, Innsbruck! Nächstes Jahr darfst du mich gerne wieder herausforden.

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