Politologe Plasser: EU-Wahl als Vorschau auf ein Herbst-Erdbeben

Das Ergebnis der Europawahl sorgt mit Blick auf die vorgezogene Wahl im September für Rückenwind für die ÖVP. Das Dilemma der SPÖ hat sich vergrößert, meint Politologe Fritz Plasser im TT-Interview.

Fritz Plasser ist Wahlforscher und Politikwissenschaftler an der Universität Innsbruck.
© Thomas Böhm / TT

Ist das EU-Wahlergebnis bereits eine Benchmark für die Nationalratswahl?

Fritz Plasser: Das entscheidet sich heute bei der Nationalratssitzung. Wenn Kanzler Sebastian Kurz das Misstrauen ausgesprochen wird, dann sehe ich die Benchmark bei der ÖVP bei 40 Prozent. Mit Blick auf den dramatisch vergrößerten Abstand zwischen ÖVP und SPÖ, und das ist die eigentliche Bezugsgröße, erkenne ich eine Vorschau auf ein noch nie dagewesenes politisches Erdbeben. Sollte heute der Kanzler gestürzt werden, dann dürfte dies nämlich eine ungeheuerliche und schwer kontrollierbare Emotionalisierung in der Wählerschaft auslösen. Der Mobilisierungsschub für die ÖVP würde dann jenen des Ibiza-Videos in den Schatten stellen.

Die SPÖ befindet sich also in einem Dilemma?

Plasser: Lassen Sie es mich so formulieren: Das Dilemma der SPÖ ist seit Sonntagabend noch viel größer geworden. Eine große Wählerschaft der Sozialdemokratie ist klar gegen den Kanzlersturz. Ich denke, das wird der SPÖ-Klub heute alles mitüberlegen müssen.

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In welchem Zustand sehen Sie die FPÖ nach der EU-Wahl?

Plasser: Bei der EU-Wahl war eine Loyalität der FPÖ-Wählerschaft erkennbar. Aber für die Nationalratswahl gibt es keine Entwarnung. Bestenfalls gelang den Blauen eine Art von Schadensbegrenzung. Bei der Herbst-Wahl könnte die FPÖ bis zu einem Drittel ihrer Wählerschaft verlieren.

Anders die Grünen – ihnen gelang ein Comeback.

Plasser: Jedenfalls – allerdings war dies die geringste Überraschung dieses Wahl­abends. Dieses Ergebnis hat sich schon vor Ibiza verfestigt.

Welche Konsequenzen sollten die NEOS ziehen?

Plasser: Vorerst gibt es keinen Grund für Nervosität. Aber die NEOS mussten erkennen, dass sie in der Vorwoche viele liberale Wähler an die ÖVP verloren haben.

Das Interview führte Michael Sprenger


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