Mit Upgrade durch den Monsun

Tokio Hotel sind auf Tour und machten am Samstag in Wien Halt.

California-Rocker und Fabelwesen in Plateaustiefeln: Tom und Bill Kaulitz Mitte Mai in Düsseldorf. In Wien herrschte Fotografier-Verbot.
© imago images

Von Barbara Wohlsein

Wien –Auch wenn das Konzert bei Weitem nicht ausverkauft ist: Laut sind sie immer noch, die Tokio-Hotel-Fans. Bereits vor Beginn wird so inbrünstig „Durch den Monsun“ durch das Gasometer gebrüllt, dass sogar die vor sich hin dudelnde Wartemusik übertönt wird. Als die Countdown-Uhr auf null springt, geht auch das Kreischen los. Dann erscheinen sie, die Teenie-Stars der Nullerjahre: Bill Kaulitz als 2,10 Meter großes Fabelwesen (20 Zentimeter davon sind Plateaustiefel), daneben Tom Kaulitz als vollbärtiger California-Rocker, den man dank seiner Freundin Heidi Klum dieser Tage öfter in Klatschmagazinen sieht als die englischen Royals. Natürlich gibt es auch noch Gustav (Schlagzeug) und Georg (Bass), die ihre Lucky-Loser-Rolle immerhin mit viel Demut ertragen.

Tokio Hotel starten mit ihren englischen Songs und der aktuellen Single „When It Rains It Pours“ in den Abend, nach dem ersten Kostümwechsel von Bill (vom sexy Football-Outfit in einen tief dekolletierten Lederanzug mit Fransen) kommen dann auch die ersten deutschen Songs daher. Die Fans freuen sich über die älteren Lieder, wer mit dem Œuvre von Tokio Hotel nicht so vertraut ist, muss immerhin eingestehen, dass die Musik sehr eingängig und poppig ist.

Der unfreiwillige Höhepunkt des Abends ist erreicht, als eine kleine Gruppe von Fans auf die Bühne geholt wird, um mit Bill Kaulitz einen Song zu performen. Diese Ehre wird nur jenen zuteil, die das „I want more“-Fan-Upgrade für über 1000 Euro gebucht haben. Neben den fünf Minuten Ruhm auf der Gasometer-Bühne sind in diesem Paket unter anderem auch ein Backstage-Treffen, ein Selfie und „ein Gegenstand, der während des Konzerts benutzt wurde“ enthalten. Der gemeinsam vorgetragene Song, bei dem jeder Premium-Fan für exakt drei Sekunden von Bill angeschmachtet wird, erinnert an die Abschlussperformance einer Kinderanimation und sorgt für dezentes Fremdschämen. Nach 90 Minuten ist das Konzert vorbei – einen der letzten Songs widmet Bill einer gewissen Heidi, die an diesem Tag Geburtstag feiert. Das Kreischen der Fans ist an dieser Stelle sehr verhalten. Da hilft auch kein Upgrade.

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