„Sie ist der andere Blick“: Widerständigkeit als Werkstoff

In ihrem Dokumentarfilm „Sie ist der andere Blick“ porträtiert Christiana Perschon heimische Künstlerinnen, die sich gegen den Sexismus der Szene behauptet haben.

In der „weißen Zelle“: Margot Pilz bemalt sich für Christiana Perschons Kamera das Gesicht.F
© Filmgarten

Von Joachim Leitner

Innsbruck — „Man ist nicht als Frau geboren: Man wird dazu gemacht", so eröffnete Simone de Beauvoir ihr Schlüsselwerk „Das andere Geschlecht". Von Kunstprofessoren zum Beispiel, die sich herausnehmen, auf fremde Blätter zu kritzeln — und den Blattbesitzerinnen dabei unbotmäßig nahe kommen. Von Galeristen, die jungen Künstlerinnen raten, es als 40-Jährige nochmal zu probieren. Oder von Kuratoren, die unausgesprochen darauf beharren, dass zwei Vorzeigekünstlerinnen, Valie Export und Maria Lassnig zum Beispiel, doch wohl ausreichen dürften. Auch die männlichen Bilder- und Konventionenstürmer der 1960er- und 70er-Jahre, egal ob aktionistische Avantgardisten oder umgekehrt, waren durchaus traditionsbewusst, wenn es um ihre weiblichen Kollegen ging. Allzu oft war eine mögliche Schwangerschaft Argument genug, um auf dem Ausschluss aus künstlerischen Möglichkeitsräumen zu beharren.

Vom gelebten, vom selbstgefällig offen zur Schau gestellten Sexismus der Szene erzählt Christiana Perschon in ihrem Künstlerinnenporträt „Sie ist der andere Blick" ganz am Anfang. So, als gelte es, den Elefanten auf schnellstem Wege aus dem Raum, dem „White Cube" der rot-weiß-roten Gegenwartskunst, zu jagen. Zunächst sprechen die fünf Künstlerinnen, mit deren Leben und Werk sich Perschon beschäftigt, durcheinander. Die Erfahrung, ausgeschlossen zu sein, ist eine, die alle gemacht haben. Dazu wird gezeigt, wie eine Leinwand grundiert wird: Bevor Kunst entstehen und davon erzählt werden kann, muss sie erst ermöglicht werden. Erst nach dieser ebenso eindrücklichen wie aufschlussreichen Einleitung wird „Sie ist der andere Blick" zum Werkstattgespräch mit Renate Bertlmann, Linda Christanell, Karin Mack, Margot Pilz und Lore Heuermann. Mit Künstlerinnen also, die als arriviert gelten, die angekommen sind. Die Dunkelziffer derer, die an männlicher Bevormundung gescheitert sind, schwingt gewissermaßen mit.

Trotzdem entwickelt sich die zweite Hälfte des sehenswerten Dokumentarfilms zur lustvollen Befragung schöpferischer Prozesse. Haptik und Materialität von Werkstoffen werden ausgestellt, die inneren und bisweilen provokativ lebenspraktischen Beweggründe hinter bestimmten Arbeitsweisen offengelegt. „Sie ist der andere Blick" ist mehr als das Beklagen himmelschreiender Hürden auf dem Weg zur Kunst. Der Film ist auch das Fest, das gefeiert werden sollte, nachdem diese Hürden genommen wurden. Im Wissen, dass weitere kommen werden. Heute genauso wie vor 50 Jahren.

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