Pflegenotstand im Außerfern kein leeres Gerede mehr

Bereits ein Jahr beträgt die Wartezeit für einen stationären Pflegeplatz in den beiden Außerferner Heimen Haus Ehrenberg und Guter Hirte. Die Warteliste hat die 200er-Marke erreicht. Ausgewichen wird bis Kitzbühel.

© Tschol

Von Helmut Mittermayr

Reutte –Der Elbigenalper Bürgermeister Markus Gerber schilderte bei der Gemeindeversammlung die Problematik, die sich auftue, wenn jemand vom „Duarf“ einen stationären Pflegeplatz benötige. Ein aktueller Fall im Ort zeige, dass die Wartezeit im Außerfern inzwischen ein Jahr betrage. Die Warteliste sei enorm. An 65. Stelle im Reuttener Seniorenheim oder noch weit höher im Bezirkspflegeheim könne man sich einordnen. „Und ein Jahr kann furchtbar lang sein, wenn funktionierende familiäre Rahmenbedingungen nicht gegeben sind“, ließ er wissen. Jeder Fall sei einzeln zu betrachten, die Belastung für die Nahestehenden, die die Pflege dann Tag und Nacht irgendwie meistern müssten, kaum bewältigbar.

Zumindest im oberen Lechtal versucht man etwas Druck aus dem Kessel zu nehmen, indem das Projekt „Altersbetreute Tagespflege“ möglichst schnell realisiert werden soll. In Elbigenalp bestünde dafür Platz in den Räumen der ehemaligen Arztpraxis. Die betreuten Personen wären untertags dort versorgt. „Die Angehörigen können dann zumindest wieder einmal durchschnaufen“, wie es Gerber formuliert.

Für Paul Barbist, Leiter des Reuttener Seniorenheimes, sind alle mobilen und tagespflegerischen Einrichtungen sehr wichtig. „Natürlich können und sollen sie auch dezentral in den Talschaften eingerichtet werden. Aber die Erfahrung in unserem Haus zeigt klar, dass man damit den Eintritt in eine stationäre Pflege nur um ein Jahr hinauszögern kann.“ Im Guten Hirten sind derzeit 64 Personen stationär untergebracht, weitere 25 nutzen die Tagespflege. Ein stationäres Bett werde im Schnitt alle 36 Monate, also alle drei Jahre, wieder frei.

Für den Ökonomen, der Mitglied in der ARGE Tiroler Altenheime ist und einen landesweiten Überblick hat, besteht dringender Handlungsbedarf. Barbist: „Denn das Außerfern verfügt im Tirolvergleich mit Abstand über die wenigsten Betten zur stationären Pflege. Der Bezirk Reutte erreicht hier nicht einmal die Hälfte des Tirolschnitts.“ In Reutte stünden rechnerisch 55 Betten pro 1000 Einwohnern ab 75 + zur Verfügung. In Schwaz (93), Landeck (96), Kitzbühel (98), Lienz (100), Imst (109), Kufstein (110), Innsbruck Land (121) und Innsbruck Stadt (125). Die Conclusio – der Bezirk braucht dringend ein weiteres Haus mit 60 Betten. Derzeit werden Pflegefälle im Notfall in ganz Tirol von Nassereith bis Kitzbühel zwischengeparkt, um sie bei freiwerdenden Betten später ins Außerfern zurückzuholen. Freie Plätze im Inntal gehen nun aber selbst zur Neige.

Elbigenalps Bürgermeister Markus Gerber dankte dem Reuttener Marktchef Alois­ Oberer ausdrücklich öffentlich für sein nicht enden wollendes Engagement zur Errichtung eines weiteren Pflegeheimes im Bezirk. Für Oberer das Bohren ganz, ganz dicker Bretter: „Wir waren gerade erst wieder bei den Landesräten Tratter und Tilg in Innsbruck, die uns anhand des ,Strukturplanes Pflege 2022‘ sowieso 26 Betten zusagen und auch für zusätzliche schon Absichtserklärungen abgegeben haben.“ Aber nun hake es wieder im Bezirk selbst, wo es aufgrund unterschiedlicher Interessen schwierig sei, dass alle Bürgermeister mit einer Stimme sprechen würden. Luis Oberer erklärt aber, dass die Zeit davonzulaufen beginne und – wenn keine Einigung zu erzielen sei – Reutte auch allein handeln werde. „Denn wir brauchen die Betten!“

Im Ehenbichler Haus Ehrenberg, dem an das Krankenhaus angedockte Verbandswohn- und Pflegeheim, soll die Warteliste inzwischen die 200er-Marke erreicht haben, tuscheln Insider. Pflegedienstleiter Alois Gratl will das so nicht bestätigen. „Die Leute melden sich oft doppelt bei uns und in Reutte an. Wir klären das auch gemeinsam ab, womit die Zahlen doch deutlich niedriger sind.“ Das Haus Ehrenberg verfügt derzeit über 76 stationäre Betten und fünf Kurzzeitpflegeplätze. „Eine weitere Einrichtung mit 60 stationären Betten braucht es unbedingt“, lässt er keinen Zweifel offen. Derzeit liege die Wartefrist für sein Haus ab Anmeldung bei 14 Monaten. Gratl weiß aber auch von großem Zusammenhalt bei echten Notfällen: „Dann versuchen alle zu helfen. Egal ob Primaria Beck in der Internen des BKH Reutte, die Pflegeinsel Bengler Wald im Lechtal oder Heime außerhalb des Bezirkes.“

Pflegeverbands­obmann Aurel Schmidhofer bestätigt, „die Situation ist heikel. Aber wir sind dran und finden eine Lösung.“ Im Bezirk sei der Standort für ein drittes Haus noch offen (Reutte oder Ehen- bichl) und es gebe Gemeinden, die auf kleinere Lösungen setzen würden, was aber wirtschaftlich kaum darstellbar wäre, weil diese Häuser eine unterkritische Größe hätten.


Kommentieren


Schlagworte