Kriegsberichterstatter: Im Epizentrum des Grauens

Auslandskorrespondent Ulrich Ladurner war zu Gast beim Symposium „Krieg und Journalismus“. Ein Gespräch über seine Arbeit als Kriegsberichterstatter.

Ulrich Ladurner hat über zwanzig Jahre lang als Kriegsberichterstatter gearbeitet. Er ist auch Autor zahlreicher Bücher.
© Foto TT/Rudy De Moor

Sie haben am Symposium „Krieg und Journalismus" teilgenommen, das von der Universität Innsbruck anlässlich des 20. Todestages von Gabriel Grüner veranstaltet wurde. Der Südtiroler „stern"-Reporter wurde am 13. Juni 1999 im Kosovo-Krieg erschossen. Wie haben Sie vom Tod Ihres Freundes erfahren?

Ulrich Ladurner: Ich war gerade in Rom und soeben von einem dreimonatigen Aufenthalt aus Belgrad zurückgekehrt, von wo ich während des Kosovo-Krieges berichtet habe. Gabriel starb einen Tag nach Kriegsende, ich habe am selben Tag davon erfahren.

Inwiefern hat der Tod Ihres Freundes Ihre Arbeit als Kriegsberichterstatter beeinflusst?

Ladurner: (hält kurz inne) Der Tod von Gabriel Grüner war für mich ein großer Schock, der mich bis heute begleitet. Ich kenne den Dulje-Pass in der Nähe von Prizren, wo er ermordet wurde, und ich kann die Umstände des Tathergangs leider sehr gut nachvollziehen.

Aber Sie haben trotzdem nicht aufgehört, als Kriegsberichterstatter zu arbeiten?

Ladurner: Doch, ich habe zwei Jahre pausiert. Dann wurden die USA von den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in New York und Washington erschüttert. Als kurz darauf der Afghanistan-Krieg ausbrach, wurde ich gefragt, ob ich darüber berichten wolle. Das habe ich dann gemacht.

Warum haben Sie sich dazu entschieden, Kriegsberichterstatter zu werden?

Ladurner: Entschlossen habe ich mich anfangs dazu nicht wirklich. Ich war in den 1990er-Jahren in Wien. Damals brach der Jugoslawien-Krieg aus, und ich war einfach in der Nähe. Ich habe angefangen zu berichten, und irgendwann wurde ich als Experte betrachtet.

Heute müssen Kriegsberichterstatter spezielle Trainings absolvieren.

Ladurner: Das gab es früher nicht. Ich habe es nachgeholt. Die gesamte Kriegsberichterstattung hat sich professionalisiert. Zeitungen lassen ihre Reporter heute nicht mehr alleine, vor allem werden sie nach ihrer Rückkehr betreut. In dieser Hinsicht hat die Branche viel dazugelernt.

Krieg bedeutet auch großes Leid. Wie gelang es Ihnen, all die Jahre journalistische Distanz zu wahren?

Ladurner: Ich habe mich immer auf meine journalistische Arbeit konzentriert. Menschen, die von Kriegen betroffen sind, wollen unbedingt, dass man als Journalist berichtet. Die schlimmste Erfahrung für diese Leute ist, wenn sie sich verlassen fühlen, wenn keiner von ihrem Leid erfährt. Es mag pathetisch klingen, aber als Journalist legt man stellvertretend für sie Zeugnis ab.

Gabriel Grüner schrieb in seinem Buch „Kinder des Krieges" (1996): „Und doch frage ich mich immer, ob wir Fotografen und Schreiber wirklich etwas ausrichten können gegen Hass und Gewalt, die Unfähigkeit der Politiker." Wie würden Sie diese Frage beantworten?

Ladurner: Diese Sinnfrage stellt man sich als Journalist immer wieder. Ich wollte mit meiner Arbeit nie die Welt verbessern. Ich bin in Kriegsgebiete gereist und habe geschrieben, was ich gesehen habe. Natürlich versucht man mit seinen Texten etwas zu verändern, aber meine Rolle als Journalist ist trotzdem eine bescheidene.

Wie hat sich die Kriegsberichterstattung im Laufe der vergangenen zwei Jahrzehnte verändert?

Ladurner: Im Bosnien-Krieg etwa wollten die Kriegsparteien den Journalisten ihre Standpunkte erklären. Insofern war man geschützt. Für den IS oder die Al-Qaida hingegen ist man als westlicher Journalist kein Gesprächspartner, sondern ein potenzielles Entführungsopfer. In manchen Konflikten ist man vom neutralen Beobachter zum Freiwild geworden. Das erschwert die Berichterstattung enorm.

Sie arbeiten mittlerweile als Europakorrespondent für „Die Zeit" in Brüssel. Wie kam es zu dieser beruflichen Veränderung?

Ladurner: Ich habe über zwanzig Jahre Kriegsberichterstattung gemacht. Ich bin jetzt 57, und altersmäßig hat diese berufliche Veränderung gut in meinen Lebensplan gepasst.

Welche politischen Entwicklungen beobachten Sie mit besonderer Sorge?

Ladurner: Ich glaube, dass wir Europäer uns nicht bewusst sind, was wir verlieren können. Ich würde mir weniger Politikverdrossenheit wünschen, und es braucht unbedingt wieder einen vernünftigen Zugang zur Politik.

Das Gespräch führte Gerlinde Tamerl


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