„Rolling Thunder Revue“: Die Tage des Donners

„Rolling Thunder Revue“: Martin Scorsese macht sich mit Bob Dylan auf die Suche nach dem anderen Amerika.

Ein Wanderzirkus hat eigene Wahrheiten: 1975 brachte Bob Dylan mit illustren Begleitern die „Rolling Thunder Revue“ auf die Bühne.
© Netflix

Innsbruck –Dass dem Gesagten genauso wenig zu trauen ist wie dem Gezeigten, stellt Starregisseur Martin Scorsese klar, bevor sein neuester Film richtig begonnen hat. Er zeigt einen Ausschnitt aus „Escamotage d’une dame“ (1896), einem frühen Film von Georges Méliès, dem ersten Filmmagier der Kinogeschichte: Nicht das Geschick des Illusionisten lässt darin eine Frau verschwinden, sondern ein präzise gesetzter „Cut“.

Immer wieder beruft sich Scorsese in den folgenden zweieinhalb Stunden auf diese ureigenste Kraft der Filmkunst. Die „Story“, die er erzählen will, ist die Summe vieler Geschichten. Kein „So ist es gewesen“. Eher ein „Es war einmal“.

In „Rolling Thunder Revue“ geht es um die gleichnamige Tournee, die Bob Dylan mit illustre­n Begleitern – etwa Joa­n Baez, Joni Mitchell, Scarlet Rivera und Beat-Veteran Allen Ginsberg – 1975 durch die USA und Kanada führte. Die Tour war lange mythenumrankte Legende. Dylan, der noch im Jahr davor Stadien füllte, steuerte kleine Turnhallen an. Erst 2002 erschien eine Auswahl von Konzertmitschnitten. Seit gut einer Woche sind 148 Tracks der „Rolling Thunder Revue“ als 14-teiliges CD-Set (Columbia, 64,99 Euro) erhältlich. Davor gab es nur mehr oder weniger glaubwürdige Erzählungen von den Tagen des Donners. Der Dramatiker Sam Shepard veröffentlichte 1978 ein Buch mit Prosaskizzen, in denen er umriss, wie verbindend wildwucherndes Chaos sein kann. Auch Scorsese beschwört in seinem nun auf Netflix veröffentlichten Film die Kraft des Chaotischen. Er ordnet das Archivmaterial neu, löst es aus dem Korsett des Chronologischen, gestaltet aus, biegt zurecht. Nicht alles darf man glauben. Ein Wanderzirkus hat eigene Wahrheit. Und der inzwischen 78-jährige Dylan verweigert konkrete Aussagen sowieso: „Ich weiß nicht, ob ich vor 40 Jahren schon geboren war.“ Sein damaliges Bühnenoutfit jedenfalls orientierte sich am japanischen Kabuki. Oder doch an der Band Kiss? Der Meister schmunzelt.

Außer Zweifel steht nur eines, beseelter als während der „Rolling Thunder“-Wochen hat Dylan nie gesungen. Auch und gerade weil es hinter den Masken eine Botschaft gab. Wenn er im Ureingeborenen-Reservat die Ballade „Ira Hayes“ anstimmt zum Beispiel – und damit an das Leid jenes Amerikas erinnert, das schon vor Columbus da war. Eindrücklich gestaltet Scorsese auch Dylans Engagement für den zu Unrecht inhaftierten Boxer Rubin „Hurricane“ Carter aus. „Rolling Thunder“ war auch Ansingen gegen rassistische Verbrechen. Und die Suche nach einem anderen Amerika. Bob, sagt Carter an einer Stelle, sei immer auf der Suche. Dylan widerspricht: Ums Suchen geh­e es nicht. „Es geht darum, sich selbst zu erschaffen.“ Und dafür muss man bisweilen in die Trickkiste greifen. (jole)


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