„Die größte Diva ist Mutter Natur“: Doku über Neuanfang

Die kluge und herzerwärmende Doku „Unsere große kleine Farm“ zeigt, wie ein Paar ein neues Leben anfing.

Schwein Emma und Hahn Greasy waren „unsere Angelina Jolie und Brad Pitt“, sagt John Chester.
© Prokino Filmverleih

Wien – Alles begann mit einem Hund, der zu viel und zu laut bellte. Er war Ausgangspunkt dafür, dass Molly und John Chester Farmer wurden. Acht Jahre lang filmten sie ihr neues Leben und daraus entstand ein Dokumentarfilm. John Chester stellte ihn kürzlich in Wien vor und sprach darüber.

Also, wie war das wirklich mit dem Hund namens Todd?

John Chester: Wir hatten ihn aus dem Tierheim gerettet und in unser Appartement in Los Angeles gebracht. Wir kannten seine Vorgeschichte nicht, aber immer, wenn wir weggingen, begann er laut und pausenlos zu bellen. Offensichtlich fühlte er sich da schrecklich einsam.

Was ist dann passiert?

Chester: Der Vermieter drohte uns mit Kündigung. Ich denke, der normale Weg ist die Trennung vom Tier. Wir entschieden uns anders. Von da an war nichts mehr normal. Denn wir entschlossen uns, einen Lebenstraum zu verwirklichen und eine Autostunde von L.A. entfernt eine eigene Farm zu gründen. Auf 80 Hektar in den kalifornischen Hügeln. Todd kam natürlich mit.

Und das alles mir nix, dir nix?

Chester: Wir brauchten natürlich viel Courage – und Geld. Gott sei Dank fanden wir einen Investor, der an unser Konzept glaubte, das es eigentlich noch gar nicht gab. Erst nach und nach entstand auf einem ursprünglich erschöpften, verrotteten Stück Land unser Musterbetrieb. Ja, heute dürfen wir wirklich von Musterbetrieb sprechen. Acht Jahre lang haben wir alles mitgedreht. 80 Prozent davon zunächst ohne Geld.

Eine wesentliche Hilfe wurde Ihnen Alan York, ein Pionier der biodynamischen Landwirtschaft, der leider noch vor Fertigstellung des Films einer Krebserkrankung erlag ...

Chester: Ohne Alan hätte es vieles nicht gegeben. Seine Theorie war, dass sich in der Natur alles von selbst regelt.

Bitte um Beispiel?

Chester: Einmal entdeckte ich, dass in unserem Obstgarten Bäume vollständig mit Blattläusen bedeckt waren. Ich war verzweifelt. Kurze Zeit danach waren aber alle Blattläuse weg, vernichtet von ihren Hauptfeinden, einer Riesenschar von Marienkäfern. Fressen und gefressen werden, dieses alte Naturgesetz haben wir immer wieder staunenden Auges beobachten können.

Zurück noch einmal zu Alan York. Was war seine besondere Stärke?

Chester: Er gab uns das Selbstvertrauen, die vermeintlich verrücktesten Dinge anzustellen. Einmal etwa ordnete er an, dass wir 75 verschiedene Obstbäume anpflanzen sollten. Meine Frau Molly hatte eigentlich nur drei geplant. Ich fragte Alan: „Jeder Baum muss verschieden betreut werden. Ist dieser Plan nicht verrückt?“ Er antwortete: „Was heißt verrückt? Es ist Wahnsinn! Aber ihr werdet viel Spaß daran haben!“ Er hatte Recht. Spaß, haben wir festgestellt, war das eine. Das andere war etwas, was der bekannte Autor und Umweltaktivist Wendell Berry zu seinem Credo erhoben hatte, indem er behauptete: „Es dreht sich alles um Zuneigung.“ Ja, Liebe und Zuneigung waren letztendlich für unser Projekt das Wichtigste. Der Lohn für Molly und mich: Dieses Projekt brachte höchstmögliche Harmonie in unser Leben.

Sie mussten sich mehr und mehr Hühner zulegen und haben für Ihren Film auch grandiose „Hauptdarsteller“ gefunden. Speziell das hässliche, doch ebenso liebenswerte Schwein Emma und den zerrupften Hahn Greasy, der Emmas Wächter und Beschützer wurde?

Chester: Das waren absolute Glücksfälle. Emma und Greasy waren unsere Angelina Jolie und Brad Pitt. Als Emma zu uns kam, war sie trächtig und durchfallgeplagt. Trotzdem konnte sie 17 kleine Ferkel gebären. Danach bekam sie hohes Fieber, aber sie hat alle Fährnisse überlebt, und sie ist noch heute bei uns.

Wie viele Tiere leben heute auf Ihrer Farm?

Chester: Zuletzt haben wir 850 gezählt.

Demut und Geduld, sagen Sie, war bei diesem Projekt wichtig?

Chester: Ja, mehr Geduld, als ich eigentlich habe. Doch ich habe sie gefunden. Ebenso gefunden habe ich, durch die Kraft der Natur, viele Antworten. Wir hielten uns an Luke Skywalker aus „Star Wars“ und sein Motto: Du hast alle Kraft in dir. Nütze sie!

Was haben Sie als Filmemacher in den acht Jahren gelernt?

Chester: Dass wir wirklich keine Diva brauchten, um einen erfolgreichen Film zu produzieren. Denn die größte Diva ist unsere Mutter Natur. Und sie baut sich ihr eigenes, komplexes Immunsystem auf.

Speziell in Kalifornien hat sie nur einen großen Feind: Feuer. Waldbrände gibt es dort ja immer wieder. Wie bereitet man sich darauf vor?

Chester: Die Vorbereitungen betreffen vor allem die Tiere und das System, wie man sie im Fall des Falles am schnellsten in Sicherheit bringen kann.

Was war für Sie der bisher größte Erfolg mit dem Film „Unsere große kleine Farm“?

Chester: Die Schulvorführungen. Nachher sind viele Schüler zu uns gekommen und haben gratuliert: „Sie haben uns in 90 Minuten beigebracht, wozu unsere Lehrer ein ganzes Jahr brauchen!“ Für uns das schönste Kompliment.

Wie haben Sie sich in den vergangenen Jahren selbst verändert?

Chester: Ich habe weniger Haare. Aber mehr Glückshormone.

Das Gespräch führte Ludwig Heinrich

Hunde haben das Leben von John Chester verändert. Er zog mit seiner Frau aus Los Angeles aufs Land und wurde Landwirt – nebenbei hat er eine Doku darüber gedreht.
© Prokino Filmverleih

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