17-Jährige ermordet: Instagram-Nutzer wollen blutige Bilder verdrängen

Nach einem gemeinsamen Konzertbesuch ermordet ein 21-Jähriger ein 17 Jahre altes Mädchen. Er postet Bilder ihrer Leiche auf Instagram und anderen sozialen Medien. Weil das Fotonetzwerk die Verbreitung nicht in den Griff bekommt, schreiten die Nutzer selbst zur Tat.

Mit Bildern wie diesem sagen Instagram-Nutzer der willkürlichen Löschpolitik des Fotonetzwerks den Kampf an.
© instagram/bt.artistry

Von Tamara Stocker

Utica – Samstagabend. Gemeinsam mit ihrer Internetbekanntschaft besucht Bianca (17) ein Konzert der kanadischen Sängerin Nicole Dollanganger in New York. Die Jugendliche und ihr Begleiter halten Händchen und küssen sich. Doch es kommt auch zum Streit, der auf dem Nachhauseweg eskaliert. Sonntagfrüh ist das Mädchen tot. Der 21-Jährige ersticht sie in seinem Auto.

Nach der Tat greift der junge Mann zu seinem Smartphone und fotografiert die blutüberströmte 17-Jährige. Er postet die Bilder ihrer Leiche auf Instagram, Snapchat, Discord und dem Internetportal 4chan. Sie verbreiten sich rasend schnell. Erst 40 Minuten später geht der erste Notruf bei der Polizei ein – fast zeitgleich ruft der 21-Jährige selbst bei der Polizei an und macht „belastende Aussagen in Bezug auf den mutmaßlichen Mord“, wie ein Sprecher erklärt. Zudem habe der junge Mann angekündigt, dass er „sich selbst Schaden zufügen würde“.

Ein „letztes Selfie“

Via Snapchat wird der Verdächtige in einem Waldstück in der 60.000-Einwohner-Stadt Utica (US-Bundesstaat New York), Biancas Heimat, lokalisiert. Beim Eintreffen der Polizei liegt der 21-Jährige blutend neben seinem schwarzen SUV.

Die Beamten alarmieren den Notruf. Dann soll der junge Mann auf eine Plane gekrochen sein, unter der die Leiche der 17-Jährigen lag, und versucht haben, von sich und dem Opfer noch ein Selfie zu machen. Die Polizei schreitet ein, entwaffnet ihn. Wenig später wird er schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht. Notoperation. Noch konnte die Polizei den Verdächtigen nicht verhören.

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Die Hintergründe sind daher noch weitgehend unklar. Die Polizei geht bisher davon aus, dass die beiden beim Konzert in einen Streit geraten waren. Auch wie eng die Beziehung zwischen ihnen war, ist noch nicht geklärt. Fest steht, dass sie sich vor etwa zwei Monaten im Netz kennengelernt hatten und sich mehrmals trafen. Während die Polizei den 21-Jährigen in ersten Angaben als Partner von Bianca führte, erklärte ein gemeinsamer Freund gegenüber dem US-Magazin Rolling Stone, dass ihre Beziehung „strikt platonisch“ gewesen sei.

Fall zeigt Machtlosigkeit der sozialen Netzwerke

Indes nimmt das Drama in den sozialen Netzwerken seinen Lauf – und die Empörung ist groß. Demnach brauchte Instagram offensichtlich Stunden, um die verstörenden Aufnahmen zu löschen. Mittlerweile wurde der Account des mutmaßlichen Täters deaktiviert. Dem Portal Mashable zufolge blockt das Bilder-Netzwerk auch diverse Hashtags, die mit der Tat in Zusammenhang stehen.

Zudem habe Instagram laut eigenen Angaben „diverse technische Maßnahmen ergriffen, um das erneute Hochladen der Bilder zu verhindern.“ Doch immer noch kursieren Bilder des 17-jährigen Opfers im Netz, die offenbar zuvor von Nutzern gescreenshotted wurden. Sie teilen die Bilder immer und immer wieder. Einige Postings werden von dem Netzwerk herausgefiltert, doch längst nicht alle.

Liebevolle Bilder sollen erschütternde Aufnahmen „unterdrücken“

Wo die Kontrollmechanismen der Plattform versagen, schreiten nun die Nutzer selbst ein. Viele sind der Meinung, Instagram unternehme nicht genug – daher nehmen sie die Sache selbst in die Hand. Sie melden Nutzer, die weiter Bilder der Tat posten und durch das Raster fallen. Sie verlinken Biancas Account – der nach der Tat mehr als 130.000 Follower hat – auf schönen Zeichnungen, romantischen Sonnenuntergängen, rosa Wolken und Katzen die von Herz-Emojis umgeben sind. Auf diese Weise wollen sie den Algorithmus überlisten und die grausamen Bilder verdrängen.

Biancas Follower eröffnen neue Accounts, in denen sie private Schnappschüsse der 17-Jährigen verbreiten, um sie positiv in Erinnerung zu behalten. „Es waren ein paar verstörende Stunden und ich bin ehrlich gesagt schockiert, wie schlecht Instagram die Situation gehandhabt hat“, sagt eine Nutzerin, die hinter einem der Gedächtnis-Accounts steckt, gegenüber Mashable. Sie wisse, dass es unmöglich sei, jeden einzelnen Post offline zu nehmen. „Aber ernsthaft: Es darf nicht die Aufgabe eines 13-jährigen Mädchens sein, die kranken Posts von Nutzern zu entfernen. Diese Erfahrung hat mich zutiefst verstört.“

Nutzer werfen Instagram Heuchelei vor

Auch andere Nutzer kritisieren das Verhalten von Instagram. So werfen sie dem Netzwerk Heuchelei vor, weil etwa Fotos von Sexspielzeugen oder weiblichen Brüsten üblicherweise sehr flott verschwinden, das Unternehmen bei Fällen wie diesen aber wegsehe. „Das Bild einer stillenden Mutter wird sofort gelöscht, aber bei der Leiche einer Minderjährigen schauen alle weg“, beschwert sich etwa ein Nutzer gegenüber Mashable. Viele der geposteten Bilder seien lediglich mit einem Warnhinweis („Sensibilitätswarnung“) versehen worden, die sich einfach wegklicken lässt. Die Bilder verbreiten sich laut dem Blatt Daily Beast zudem in einschlägige misogyne Foren weiter, in denen daraufhin zur Ermordung weiterer Frauen aufgerufen wird.

Lieutenant Brian Coromato vom Utica Police Department betont gegenüber dem Rolling Stone, dass das Police Department diverse Internetplattformen kontaktierte, damit diese die Bilder schnellstmöglich entfernen. „Aber wir haben gar keine Antwort erhalten. Soweit ich das sehe, wurde nichts entfernt“, berichtet er.

Der Instagram-Account der 17-Jährigen wurde mittlerweile in den Gedenkzustand versetzt. Dadurch bleiben bereits gepostete Bilder und Videos sichtbar, allerdings kann sich niemand mehr in das Konto der Verstorbenen einloggen.


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