Brillant im Anschlag, aber kühl

Die Pianistin Jasminka Stancul bewies bei den Festspielen in Erl flinke Finger.

Jasminka Stanculs glasklarer, perlender Anschlag begeisterte bei Sonaten von Ludwig van Beethoven und Franz Schubert.
© Peter Kitzbichler

Von Wolfgang Otter

Erl –Ohne Klaviersonaten wäre Ludwig van Beethoven nicht Ludwig van Beethoven geworden. Mit und in ihnen entwickelte er sich vom jungen Rebellen hin zum geheimnisvollen Komponisten in seinen Spätwerken. Für angehende und bereits arrivierte Pianisten stellen seine Sonaten praktisch ein Neues Testament des Klavierspiels dar, dem Johann Sebastian Bachs „Wohltemperiertes Klavier“ als Altes Testament gegenübersteht, wie es der Pianis­t Hans von Bülow einmal so treffend schilderte.

Testamentarisch behandelte auch Jasminka Stancul bei ihrem Klavierkonzert am Mittwochabend im Rahmen der Erler Festspiele die Sonaten von Ludwig van Beethoven. Sie hatte zwei frühere Werke, die Sonate Nummer 10 (op. 14/29) in G-Dur und Nr. 18 (op. 31/3) in Es-Dur mit dem Beinamen „Die Jagd“, ins Programm genommen.

Stancul spielte Beethoven gerade, schnörkellos und ohne Seitenblicke oder ausufernde Dramatik, die bei diesen Sonaten aber ohnedies fehlen. Die Jagd ist ein solistisches Bravourstück, und technisch lässt Stancul auch keine Wünsche offen. Fein perlen bei ihr die Töne unter den Fingern dahin. Klavierspielen macht dieser Musikerin keinerlei Mühe. Sie huscht über die Tasten, die Themen klar strukturierend, ein Lehrspiel für die Interpretation klassischer Musik. Rubati mag spielen, wer will, Stancul gehört nicht dazu. Und wenn, dann nur ganz zaghaft und kaum merklich. Aber damit erscheint die Interpretation auch etwas oberflächlich, kühl und unnahbar.

Nach der Pause gab es den nächsten großen Wiener Komponisten des Abends: Franz Schubert und dessen Impromptu D 899, Nr. 3, Ges-Dur. Ein Werk, mit dem Schubert schon weit in die Romantik hineinblickt, sich von Fesseln löst. Nicht aber die Interpretin. Sie gab der Melodie zu wenig Zeit, sich zu entwickeln, zu ungeduldig, statt die Phrase zu genießen, schritt sie voran.

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Stancul kann aber anders, wie sie in den drei Klavierstücken D 946 bewies. Sie gerieten zum Höhepunkt des Abends und zugleich zum Zeugnis ihres Könnens. Tief tauchte sie in die Musik von Schubert ein, technisch ohnedies auf keine Probleme stoßend, drängte sie voran oder hielt sich zurück, um im Gegensatz von Schuberts Impromptu den Klängen nachzusinnieren. Das Werk war eine Herausforderung, die Interpretation ganz groß.

Dem Publikum dankte Jasminka Stancul für den begeisterten Applaus mit zwei Zugaben, einer Toccata von Aram Khachaturian und einem Stück des Kroaten Boris Papandopulo. In gewohnter Manier: brillant.


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