Japanische Träume im Urwald von Nara

Cannes-Veteranin Naomi Kawase schickt in „Vision – Die Blüte des Einklangs“ Juliette Binoche auf einen mystischen Waldspaziergang nach Japan.

Jeanne (Juliette Binoche) ist auf der Suche nach der Vision und spirituellem Frieden. Den findet sie bei Förster Tomo Satoshi (Masatoshi Nagase, „Paterson“) in den Urwäldern von Nara.
© Filmladen

Von Marian Wilhelm

Innsbruck –Die Urwälder von Nara in der südlichen Kansai-Region Japans zählen zum Unesco-Welterbe. Die Regisseurin Naomi Kawase wurde nicht weit von dort geboren. In ihrem aktuellen Film „Vision – Die Blüte des Einklangs“ nutzt sie die vertraute Gegend als perfektes Setting für eine mystische Selbstfindungsgeschichte. Kawase ist die wichtigste Regisseurin Japans und seit vielen Jahren ein bekannter Name beim Filmfestival von Cannes. Dort lernte sie auch die französische Schauspielerin Juliette Binoche kennen, die nun die Hauptrolle in ihrem ersten internationalen Spielfilm übernahm.

Jeanne (Juliette Binoche) ist eine Reiseautorin, die sich in Nara auf die Suche nach der titelgebenden Pflanze macht, die der Legende nach nur alle 997 Jahre erblüht. Nach einem persönlichen Verlust hofft Jeanne auf die mystische Kraft dieser besonderen Pflanze, die sie von ihrem Schmerz befreien soll. Vor Ort kommt sie dem verschlossenen Förster Tomo Satoshi (Masatoshi Nagase, „Paterson“) näher – auch körperlich. Tomo betreut die blinde Kräuterfrau Aki, die die „heraufziehende Veränderung des Waldes“ schon zu spüren glaubt. Später gesellt sich noch der mysteriöse junge Rin dazu.

Mit einer weniger starken Darstellerin wäre so eine unzeitgemäß-spirituelle Figur schnell unglaubwürdig. Die großartige Juliette Binoche allerdings erzeugt mit ihrem unverwechselbar traurigen Blick eine kraftvolle Leinwandpräsenz inmitten der japanischen Natur. Als Mittlerin überbrückt sie für das westliche Publikum, auf Französisch und Englisch, kulturelle Differenzen.

Kawase ist eine Filmemacherin, die wie wenige sonst seit dem Mystik-Meister Andreij Tarkowski auf ruhige Stimmungen aus ist. Darin ist sie auch der französischen Regisseurin Claire Denis nicht unähnlich, die Juliette Binoche ebenfalls für ihren Film „High Life“ (2018) engagierte und auf Weltraum-Mission schickte – allerdings mit einem völlig anderen Stimmungseffekt.

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Kawases Film sprüht vor daoistisch-shintoistischer Natur-Mystik, in den besten Momenten ohne Dialoge vor visueller Sinnlichkeit mit magischen Bildern etwa von brennenden Wäldern. Dabei erzählt sie auf eine rätselhaft-hypnotische Weise im Kreis und behandelt so ihr zentrales Thema: das der Wiedergeburt. So gesehen ist dieser Film mit seiner Spiritualität eine sehr subjektive Angelegenheit und die Dialoge gestalten sich durchaus auch prätentiös-unzugänglich. Wer aber vom dunklen Kinosaal aus erst mal in den Wäldern von Nara ankommt, wird nicht unberührt wieder herauskommen.


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