Filmfestspiele: Die letzten Runden am Lido

Reggae-Revolte, Psycho-Clowns und Innovatives aus Australien: Heute Abend wird beim Filmfestival in Venedig der Goldene Löwe vergeben. Die Favoriten im Überblick.

Joaquin Phoenix als „Joker“. Todd Philipps’ Comic-Verfilmung kommt im Oktober in Österreichs Kinos.Foto: Warner

Von Marian Wilhelm

Venedig –Kurz bevor die diesjährigen Edelmetall-Löwen ihre neuen Besitzer finden, grollte am Freitag mächtiger Donner über dem Lido di Venezia. Ein Sinnbild? Mitnichten. Der Wettbewerb – die beiden letzten Beiträge standen gestern auf dem Programm – entpuppte sich als facettenreich, aber durchwegs ambitioniert. Ob Buchmacher und Kritiker mit ihren Favoriten richtig liegen, wird sich heute Abend weisen, wenn Jury-Präsidentin Lucrecia Martel den Goldenen und die Silbernen Löwen übergibt.

Aussichtsreichster Anwärter: Favorit für den Goldenen Löwen ist „Ema“ mit ihrem chilenischen Regisseur Pablo Larraín („Jackie“, „No“). Die eigenwillige Titelheldin muss nicht nur auf die lateinamerikanische Solidarität der Argentinierin Martel hoffen, sondern passt auch thematisch in die aktuelle Gender-Debatte. Larraín bringt eine junge Frau auf die Leinwand, einnehmend verkörpert von Mariana Di Girolamo. Reggaeton-Tanz, soziale Revolte, Polyamorie und Elternschaft finden im visuell und rhythmisch eindrucksvollen Drama vor dem urbanen Hintergrund von Valparaìso zueinander.

Später Höhepunkt: Auch das erst gegen Ende des Festivals präsentierte Drama „Babyteeth“ aus Australien kann sich Hoffnungen auf eine Auszeichnung machen. Regiedebütantin Shannon Murphy riskiert mit dieser Familiengeschichte rund um die krebskranke Milla einiges. Gerade die unkonventionelle Inszenierung macht den Reiz des Films aus. Hauptdarstellerin Eliza Scanlen ist der Marcello-Mastroianni-Preis für die Nachwuchs-Schauspielleistung nur von Di Girolamo in „Ema“ zu nehmen.

Emanzipation auf Arabisch: „The Perfect Candidate“ von Haifaa Al-Mansour ist dagegen traditionelles Erzählkino. Eine Ärztin kandidiert bei Lokalwahlen. Die Stärke des Films liegt in in seiner Pionier-Stellung im Kontext des patriarchalen Saudi-Arabien. Al-Mansour erzählt die Geschichte engagiert und liebevoll, ähnlich wie schon in ihrem Debüt „Das Mädchen Wadjda“.

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Und Hollywood? Das US-Kino, sonst hauptsächlich für Red Carpet und Paparazzi in Venedig, überraschte heuer mit gleich starken Produktionen: Todd Phillips brachte Comic-Schurke „Joker“ als herausforderndes Psychogramm auf die Leinwand, für das sich nun sogar Arthouse-Kinos interessieren. Joaquin Phoenix hat als titelgebender Joker durchaus Chancen auf die Auszeichnung als bester Darsteller.

Noah Baumbach hingegen folgt in seinem Scheidungs-Drama „Marriage Story“ den Spuren von Bergmans „Szenen einer Ehe“. Seine Hauptdarstellenden Scarlett Johansson und Adam Driver bringen eine sensible Leichtigkeit in die schmerzvolle Geschichte. Nach deren Premiere am Lido verstummte sogar die Debatte über Netflix-Filme im Wettbewerb. Ob „Marriage Story“ hierzulande in die Kinos kommt – oder „direct to streaming“ wandert, ist noch offen.

Lokalmatador: Der neapolitanische Aufsteiger „Martin Eden“ rettete beim Festival die kinematografische Ehre des Gastgeber-Landes. Italien war daneben zwar mit mehreren, aber durchwegs durchwachsenen Filmen im Wettbewerb vertreten. Das Drama von Regisseur Pietro Marcello transferiert Jack Londons gleichnamigen Bildungsroman, dessen Erscheinen sich heuer zum 100. Mal jährt, in ein mediterranes Setting. Die Verwandlung eines ungebildeten Matrosen zum Star-Schriftsteller kleidet Marcello in nostalgische 16-mm-Bilder zwischen warmem Neorealismus und lichtdurchfluteter Opulenz. Zwar wirken die politischen Zwischentöne eher bemüht – „Bildung ist wie das Brot, mit dem man die Armut aufwischen kann wie die Pasta-Sauce“ – doch der angenehme Rhythmus und vor allem der grandiose Hauptdarsteller Luca Marinelli fesseln über 129 Minuten.

Außenseiter: Das Animations-Drama „No.7 Cherry Lane“ von Regisseur Yonfan überzeugte. Mit einem Preis für die Produktion aus Hongkong könnte die Jury auch ein politisches Zeichen setzen. Gute Kritiken gab es auch für Roman Polanskis hochbrisanten Historienfilm „J’accuse“ über die Affäre Dreyfus. Eine Auszeichnung für den 86-Jährigen, der sich 1977 einem Vergewaltigungsprozess durch Flucht aus den USA entzog, gilt allerdings als unwahrscheinlich.


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