Rektoren gegen Verdopplung der Medizin-Studienplätze: „Gibt genügend Ärzte“

Die Rektoren der Medizin-Universitäten Wien, Innsbruck und Graz verwahren sich gegen die Verdoppelung der Studienplätze.

Die Medizin-Uni-Rektoren Samonigg, Fleischhacker und Müller orten eine falsche Strategie.
© APA

Von Karin Leitner

Wien –Die niederösterreichische ÖVP-Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner drängt darauf, auch ÖVP-Chef Sebastian Kurz will es. Die Zahl der Medizin-Studienplätze solle verdoppelt werden, befindet diese wie jener. Des drohenden Ärztemangels wegen.

Den Rektoren der Medizin-Universitäten von Wien, Innsbruck und Graz missfällt dieses Begehren, das „mit dem Wahlkampf zu tun“ habe. Eine „falsche Strategie“ sei das, sagen Markus Müller, Wolfgang Fleischhacker und Hellmut Samonigg. Hierzulande würden überdurchschnittlich viele Mediziner ausgebildet: 5,2 pro 1000 Einwohner (OECD-Schnitt: 3,6).

„Es gibt genügend Ärzte. Wir haben aber Verteilungsprobleme: zwischen dem ländlichen und dem städtischen Bereich – und was die verschiedenen Disziplinen betrifft. Es gibt etwa eine Unterversorgung mit Allgemeinmedizinern in ländlichen Gegenden. Und diese Probleme werden nach dem Studium erzeugt“, sagt Müller von der Medizin-Uni Wien. Fleischhacker von der Innsbrucker Medizin-Uni ortet „ein zentrales Missverständnis von politischer Seite. Die Verdoppelung der Plätze bringt keine zusätzliche Ärztin in das nördliche Weinviertel oder in das Lesachtal.“

Die Rektoren verweisen auch auf die finanziellen Folgen. „Österreich ist schon jetzt ein Nettoproduzent von Ärztinnen und Ärzten für die ganze Welt, der Ausbau der Studienplätze würde das verstärken. Wir würden mit österreichischem Steuergeld noch mehr Mediziner für andere Länder ausbilden“, sagt Müller. Nicht nur deshalb qualifiziert Samonigg das Verlangen nach mehr Ausbildungsplätzen als „nahezu absurd“. Selbst wenn jetzt realisiert würde, was gefordert wird, wären die Absolventen ob der Studien- und Ausbildungsdauer erst in elf Jahren einsetzbar: „Da ist die anstehende Pensionierungswelle längst vorbei.“

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Die „Mängel im System“ seien zu beheben, konstatieren die Uni-Chefs. Kassenstellen seien nicht attraktiv; viele Ärzte wollten keine „Drei-Minuten-pro-Patient-Medizin“, ein Landarzt wolle nicht für einen Hausbesuch auf einer weit entfernten Alm mit durchschnittlich 30 Euro bedacht werden. „Ein Wahlarzt kann sich 15 Minuten Zeit für einen Patienten nehmen. Das Wahlarztproblem wird aber nicht dadurch gelöst, dass wir mehr Studenten ausbilden“, sagt Müller.

Fleischhacker führt an, dass Basisausbildungsplätze fehlen. Unabhängig davon, ob jemand Facharzt oder Allgemeinmediziner werden möchte, ist nach dem Studium eine neunmonatige Basis­ausbildung vonnöten.

„Aus Absolventenbefragungen in Tirol wissen wir, dass ein Großteil in Österreich bleiben will. Der Mangel an Basisausbildungsplätzen in den Spitälern durchkreuzt diese Pläne allerdings – und verschärft die Situation. Für viele bleibt derzeit nur der Weg in das benachbarte Ausland, um ihre Ausbildung ohne Wartezeit abschließen zu können“, sagt Fleischhacker. „In Garmisch-Partenkirchen, das sind 45 Autominuten von uns, können sie am Montag nach dem Abschluss anfangen.“

Die Standesvertreter der Mediziner sehen die Sache so wie die Rektoren. Nicht doppelt so viele Studienplätze wie derzeit müssten her, „die Arbeits- und die Rahmenbedingungen“ seien zu verbessern, um zu verhindern, „dass die Kollegen in das Ausland gehen“, sagt Ärztekammer-Präsident Thomas Szekeres. Von zehn Medizin-Absolventen würden nur sechs in Österreich zu werken beginnen. „Wenn wir die Platzzahl verdoppeln, produzieren wir für das Ausland. In Deutschland und der Schweiz gibt es zu wenige Absolventen. Die würden sich freuen.“


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