Historisches Comeback und große Zukunftsfragen der Grünen

Die Grünen sind stärker als je zuvor zurück im Nationalrat. Türkis-Grün ist rechnerisch möglich, Begeisterung dafür kommt aber wenig auf.

Feierte mit den Grünen gestern einen "Sunday For Future": Spitzenkandidat Werner Kogler.
© APA

Von Carmen Baumgartner-Pötz

Wien –„Bitte, wenn gleich der Werner kommt, dann applaudiert ihm gerne, aber lasst ihn durch und lasst ihn vor allem bitte atmen!“ – Gerald Fleischhacker, Kabarettist und Moderator bei der Grünen-Wahlparty, stehen die Schweißperlen auf der Stirn. Das „Metropol“ ist proppenvoll, die Menge feiert innen bei tropischen Temperaturen und draußen im Hof bei (fast ausschließlich) veganer Buffetverpflegung das historisch beste Wahlergebnis der Grünen und gleichzeitig den Wiedereinzug ins Parlament.

Als die Balken bei der ersten Hochrechnung in die Höhe gehen, liegen sich alte und junge Unterstützer in den Armen, Freudentränen fließen. Vor zwei Jahren am Boden, jetzt wiederauferstanden –, der abgedroschene Spruch vom größten Comeback seit Lazarus: An diesem Wahlsonntag stimmt er tatsächlich.

„Willkommen an diesem Sunday For Future“, ruft Spitzenkandidat und Bundessprecher Werner Kogler von der Bühne, auf die er sich unter den Klängen von Queens „Don’t stop me now“ vorgearbeitet hat. Neben der Bühne ist eine riesige aufgeblasene Erdkugel platziert, „Es gibt keinen Planet B“, steht darauf. Mit Greta Thunberg und der Friday-For-Future-Bewegung hatten die Grünen viel Rückenwind in den letzten Monaten. Darauf geht Kogler auch in seiner Rede ein. „Wir haben einen Auftrag bekommen und der lautet, gemeinsam für den Planeten zu kämpfen!“ Österreich müsse Umwelt-, Klimaschutz- und Naturschutzland Nummer eins werden, und das mit der notwendigen sozialen Absicherung. „Wir werden das, ganz egal an welcher Stelle, umsetzen.“

Die Frage nach einer möglichen Koalition der Wahlgewinner, Türkis-Grün, beschäftigt am Wahlabend nicht nur Journalisten. In die aufgekratzte Partystimmung mischt sich bei vielen Feiernden nicht nur Müdigkeit vom anstrengenden Wahlkampf, sondern auch das große Grübeln: Was ist mit diesem Ergebnis alles machbar?

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Kogler selbst gibt sich zurückhaltend: „Wir werden das Gespräch suchen, die Wahrscheinlichkeiten sind nur sehr gering. Man muss die Türkisen fragen, ob sie gewillt sind, von ihrem rechten Kurs abzugehen“, erklärt er im Wahlstudio der Bundesländerzeitungen. Michel Reimon, ehemaliger EU-Mandatar und auf Listenplatz vier der Bundespartei, schätzt die Chancen auf eine Wiederauflage von Türkis-Blau viel höher ein: „Die FPÖ macht es spottbillig.“ Man werde sich aber dem Gespräch sicher nicht verweigern. Die frühere Grünen-Abgeordnete und Volksanwältin Terezija Stoisits erinnert sich an das Jahr 2003: „Ich war selbst dabei, wie Schüssel uns an der Nase herumgeführt hat in den Verhandlungen. Wenn das wieder passiert, dann zerbröselt das die Grünen und das will niemand. Sebastian Kurz hat außerdem gesagt, dass er eine Mitte-Rechts-Regierung will – das geht mit den Grünen nicht.“

Für den Innsbrucker Bürgermeister Georg Willi müssen bis zur Konstituierung des Nationalrats erst einmal viele organisatorische Dinge bewältigt werden, es gehe „um die Kunst, aus vielen Experten eine schlagkräftige Gruppe zu formen“. Parallel dazu in möglichen Sondierungsgesprächen gelte „Qualität vor Tempo“. In Westösterreich funktioniere die Regierungszusammenarbeit von ÖVP und Grünen gut, „da kann man miteinander reden“. Wenn Kurz nicht bereit sei, von seinem Kurs abzuweichen, „dann wird es im Bund heißen: Sorry, das geht sich nicht aus“, so Willi.

„Regieren ist kein Selbstzweck“, stellt auch Lukas Hammer, Spitzenkandidat in Wien, klar. „Es kann nicht sein, dass wir z. B. um die Einhaltung von internationalen Klimaschutzzielen kämpfen müssen – so etwas muss außer Streit stehen.“ Mit faulen Kompromissen täten die Grünen weder sich noch ihren Themen einen Gefallen.

Zu viele Gedanken machen will sich am Wahlsonntag aber niemand. Bis spät in die Nacht wird in Wien-Hernals erst einmal gefeiert.


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