Psychisches Leiden ist kein Scheitern: Zwei Betroffene erzählen

Burnout, Depression, Panikattacken: Jeder sechste Österreicher ist psychisch krank. Dass eine psychische Erkrankung kein Misserfolg bedeutet und man dadurch nicht den Job verlieren muss, erzählen zwei Betroffene.

Burnout, Depression, Angststörung: Laut OECD leidet bereits jeder sechste Österreicher an einer psychischen Erkrankung.
© iStockphoto

Von Nina Zacke

Innsbruck, Tutzing – „Ich wollte nicht scheitern und bin weitergefahren, weil ich zu mir sagte: Zur nächsten Ausfahrt schaffst du es schon noch“, schildert Melanie Goel ihr Gefühl kurz vor ihrem Zusammenbruch vor fünf Jahren.

Goel arbeitete im Marketing bei einem großen amerikanischen Elektroautohersteller in Deutschland. Für ihren Arbeitgeber war sie für ein Wochenende auf einer Messe tätig. Die Tage waren anstrengend, die junge Frau geriet von einer Panikattacke in die nächste. „Es fühlte sich an, als hätte mir jemand eine Plastiktüte über den Kopf gestülpt, ich musste immer wieder hinausgehen, damit ich nicht ohnmächtig wurde“, beschreibt sie die Angstzustände. Anschließend setzte sich Goel noch ans Steuer und fuhr alleine nach Hause. Plötzlich konnte sie nicht mehr richtig sehen, hatte einen Schleier vor den Augen. Sie fuhr weiter, bis sie ein Kribbeln im Kopf bemerkte und steuerte das Auto noch rechtzeitig auf den Pannenstreifen. Goel wurde bewusstlos.

Als sie wieder wach wurde, rief sie ihren Mann an, der ihr ans Herz legte, sich abschleppen zu lassen. Doch der Leistungsgedanke und der Wille, die Kontrolle zu behalten, trieb sie an, weiterzufahren. Goel nahm die nächste Autobahnausfahrt, parkte vor dem nächsten Hotel und kaufte sich am nächsten Tag ein Bahn­ticket heim. Drei Monate Akutklinik, eine Kündigung und eine berufliche Neuorientierung folgten.

Aber ein Burnout taucht nicht plötzlich auf, die Symp­tome kündigen sich meist frühzeitig an, auch bei Melanie Goel. Doch oft werden sie nicht immer als solche erkannt: Migräne, Schlafstörungen, Panikattacken, Übelkeit, fehlender Gleichgewichtssinn, Konzentrationsstörungen, Taubheitsgefühl. Das Problem: Meist wollen die Betroffenen nicht wahrhaben, dass der Körper am Ende ist. „Fast acht Jahre habe ich mich absolut verausgabt, im Studium, im Beruf“, sagt die Tutzingerin. Anerkennung, beruflicher Aufstieg, Leistungsdruck: Es sei wie ein Höhenflug, die Symptome rücken dabei in den Hintergrund, erklärt Goel.

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Vielen Österreichern geht es ähnlich: Bereits jeder sechste Österreicher ist psychisch krank, so die OECD. In Tirol gab es im vorigen Jahr 2018 insgesamt 381.000 Krankenstandsfälle, davon waren 11.100 mit psychischen Diagnosen.

Ebenso erging es der Tiroler Unternehmensberaterin Judith Heizer, die heute selbst Burnout-Patienten coacht. Drei Jobs, ein halbes Jahr ohne freies Wochenende, über Monate nie mehr als drei Stunden Schlaf: „Ich bin fast täglich kollabiert und hatte Konzentrationsschwierigkeiten, aber zum Arzt ging ich erst, als mir drei Wochen am Stück übel war“, sagt Heizer. Die Diagnose: Burnout. Für Heizer war vor allem das Akzeptieren, dass der Körper nicht mehr funktioniert, das Schlimmste an der Situation. Es sei ein massiver Kontrollverlust, gerade für Leute, die perfektionistisch veranlagt sind, betont sie.

Dass viele Betroffene eine psychische Erkrankung als einen persönlichen Misserfolg betrachten, sei mitunter das Hauptproblem. Denn das Verständnis der Unternehmen ist in den meisten Fällen vorhanden: Heizers Arbeitgeber war sehr unterstützend und ermöglichte der Innsbruckerin nach ihrer Auszeit mit weniger Stunden Lehrverpflichtung eine stufenweise Eingliederung. „Viele Arbeitgeber reagieren verständnisvoll, sind aber oft hilflos, weil sie nicht wissen, wie sie den Mitarbeiter unterstützen können“, weiß Heizer. Etablierte Präventionskultur fehle. Eine gute Gesprächsführung mit Mitarbeitern und Schulungen könnten aber beispielsweise helfen, sagt die Unternehmensberaterin. Heizer selbst sieht ihre persönliche Burnout-Erfahrung heute als Auftrag, andere davor zu bewahren, soweit zu kommen und Firmen dabei zu unterstützen, für eine entsprechende Unternehmenskultur zu sorgen.

Auch die Vorgesetzten von Melanie Goel brachten ihr viel Verständnis entgegen. „Meine Chefs meinten, dass ich mir so viel Zeit lassen solle, wie ich brauche“, berichtet die Deutsche. Aber sie wollte nicht in einen Job zurückkehren, wo es nur um Zahlen und Leistung gehe. Mittlerweile de­signt Goel Emailletassen und schreibt auf ihrem Blog (https://medium.com/on-burnout-creativity-minimalism) über ihre persönliche Erfahrung mit der psychischen Erkrankung. Das tue sie deshalb, um anderen das Gefühl des Alleinseins zu nehmen: „Wenn niemand darüber redet, kann das Tabu nicht gebrochen werden“, sagt Goel. Man selbst fühle sich, als ob man kein Teil der Gesellschaft mehr wäre, sagt sie. Und das sei mitunter das schlimmste Gefühl.

Hilfe im Netz

www.psychotherapie-tirol.at: Auf der Homepage des Tiroler Landesverbandes für Psychotherapie finden Betroffene allgemeine Infos zur Psychotherapie, auch zu den Rahmenbedingungen, Kosten, Rückerstattungen der Versicherungen.

www.gesundesarbeiten-tirol.at/themen/psychische-gesundheit/stress-burnout: Hier finden sich Ursachen, Ressourcen und Folgen von Stress/Burnout sowie weiterführende Informationen.


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