Jubiläums-Singen beim Stanglwirt in Going

Seit 70 Jahren halten Sänger aus allen Teilen Österreichs, aus der Schweiz, dem bayerischen Raum und aus Südtirol im Goinger Traditionsgasthaus die Fahne der alpenländischen Volkskultur hoch.

Magdalena und Balthasar Hauser haben das Sängertreffen beim Stanglwirt institutionalisiert.
© Zenhäusern

Von Mario Zenhäusern

Going –„Sängertreffen ohne Schnulzen und Subventionen“ betitelte Herbert Buzas am 14. November 1961 in der Tiroler Tageszeitung seine Reportage über ein ganz besonderes Treffen. Ein Treffen, bei dem „Sänger aus dem Lande und aus dem Nachbarlande aus reiner Lust am Volksliedersingen sich selbst und den Zuhörern ein Vergnügen bereiten“. Was der Lehrmeister unzähliger TT-Redakteure in seiner unnachahmlichen Art beschrieb, ist heute noch so.

Begonnen hat alles 1949. Stanglwirtin Anna Hause organisierte das erste ungezwungene Sängertreffen. Mit dabei waren das Mayrhofner Trio, der Saalfeldner Dreigesang, die Kitzbüheler Nationalsänger und das Stangl-Trio, bestehend aus den Wirtsleuten Anna und Lois sowie dessen Schwester. „Weil es damals noch nicht so viele Autos gab, hat mein Vater die auswärtigen Gruppen abgeholt“, erinnert sich Balthasar Hauser, der nach dem frühen Tod seiner Mutter im Juni 1964 das Kommando im Stanglwirt übernahm.

„Am Anfang wurde gesungen, was den Leuten gefällt“, erzählt Hauser, „die Leute haben das nicht als Kitsch betrachtet.“ Das änderte sich schlagartig, als Anna Hauser, Balthasars Mutter und Gründerin des Sängertreffens, im Jahr 1957 Sepp Landmann als Moderator engagierte. Er legte Wert auf Ursprünglichkeit und tat als Schnulzen ab, was dieser Vorgabe nicht entsprach. Eine bekannte Zillertaler Gruppe ließ sich das nicht gefallen und klagte. Was eine Wiener Zeitung im Jahr 1963 als „Sängerkrieg beim Stanglwirt“ beschrieb, endete übrigens wie das berühmte Hornberger Schießen: Die Kontrahenten einigten sich auf einen Vergleich, alle trafen sich anschließend beim „Stiegl-Bräu“ und feierten gemeinsam das Urteil.

An der Philosophie des Sängertreffens beim Stanglwirt hat sich in all den Jahren nichts geändert. „Wir bauen ohne Plan und spielen ohne Noten“, sagt Balthasar Hauser mit einem Augenzwinkern, „gesungen wird, was den Leuten gefällt. Im Vordergrund aber steht die Ursprünglichkeit.“

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Für die Auswahl der Musikgruppen ist seit 17 Jahren Stanglwirtin Magdalena Hauser zuständig. Sie hält persönlichen Kontakt zu den Sängerinnen und Sängern, Musikantinnen und Musikanten. Die im Übrigen alle um Gottes Lohn auftreten. „Uns geht es um das Treffen, deshalb gibt es keine Gagen und auch keinen Wettbewerb mit Preisen“, betonen die Wirtsleute unisono. Ein Konzept, das offensichtlich erfolgreich ist: Im Laufe der Jahre ist die Zahl der teilnehmenden Gruppen sprunghaft angestiegen. „Weil es auch in den anderen Bundesländern heißt, dass jemand schon was können muss, wenn er beim Stanglwirt auftreten darf“, wie Balthasar nicht ohne Stolz anmerkt. Als diesbezüglicher Höhepunkt ging übrigens das 77. Sängertreffen im Jahr 1987 in die Geschichte ein, als sich in den zahlreichen Stuben des Traditionsgasthauses 67 Gruppen unter die Zuhörerschaft drängten.

Für heuer hat die Stanglwirtin 28 Gruppen aus Bayern, Salzburg, Oberösterreich, Kärnten, der Steiermark, Südtirol, der Schweiz und Tirol eingeladen. Natürlich wird auch die Stanglwirt-Familie – Magdalena und Balthasar Hauser mit ihren Kindern Maria, Elisabeth und Johannes – wieder auftreten. Das 133. Sängertreffen beim Stanglwirt am Samstag, 9. November, beginnt um 20 Uhr. Durch den Abend führt Philip Meikl vom ORF Salzburg, die musikalische Leitung liegt in den Händen von Andrä Feller.

1961 schrieb Herbert Buzas, dass am Ende des Sängertreffens beim Stanglwirt gemeinsam „Fein sein, beinander bleib’n“ gesungen wurde. Wörtlich heißt es in dem Artikel: „Und es klang so vollkommen, dass man es auf Platte hätte schneiden können. Fein sein, beinander bleib’n – wäre das übrigens nicht ein Stammlied für das Vereinte Europa?“ Eine Frage, die heute aktueller denn je ist.


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