Schüler haben Recht auf Feedback: Tirols Lehrer müssen sich bewerten lassen

In Tirol müssen sich Lehrer Höherer Schulen einmal jährlich bewerten lassen. In einer Umfrage in Innsbruck wusste kein Schüler von der Feedback-Möglichkeit.

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Von Brigitte Warenski

Innsbruck – Die Feedback-Kultur hat in vielen Ländern längst Einzug gehalten und gehört zum schulischen Alltag. In Norwegen werden seit vielen Jahren Lehrer wie Schulen von Schülern bewertet und dies sogar öffentlich. Auch in Deutschland setzt man immer mehr auf Evaluierung. In Hamburg hat Bildungssenator Ties Rabe einen 56 Punkte umfassenden Fragenkatalog ausarbeiten lassen, den Schüler beantworten, um ihren Lehrern Feedback zu geben.

In Tirol ist das Thema Lehrerbewertung nur in einigen Bereichen angekommen. Sowohl an der Leopold Franzens Universität Innsbruck als auch am Management Center Innsbruck (MCI) werden alle Lehrveranstaltungen und damit auch die Lehrenden evaluiert. „Wir sehen darin ein optimales Instrument zur Qualitätssicherung“, sagt Uni-Pressesprecher Uwe Steger. Für MCI-Chef Andreas Altmann hat allein die Tatsache, „dass es die Bewertung gibt, die Wirkung, dass sich Lehrende gut vorbereiten“. Und das Feedback gebe zudem laut Altmann „jedem Vortragenden die Möglichkeit, sich bei Bedarf zu verbessern“. Im Privatgymnasium Meinhardinum in Stams gibt es jährlich von Schülern ein Feedback für Lehrer, über das mit den Schülern gesprochen wird. „Das Feedback hat einen positiven Effekt auf den Unterricht“, ist Direktor Georg Jud überzeugt.

Was im Privatgymnasium funktioniert, scheint an den öffentlichen Schulen ein Problem zu sein. In einer Umfrage der Tiroler Tageszeitung vor drei öffentlichen höheren Schulen in Innsbruck gab kein Schüler an, jemals die Möglichkeit einer Rückmeldung gehabt zu haben. Und das, obwohl es seit 2015 in Tirol einen Erlass gibt, der die Evaluierung regelt. Darin ist festgelegt, dass jede Lehrperson an einer höheren Schule nachweislich einmal jährlich in einer Klasse ein anonymes schriftliches Feedback einholen muss.

Ob die Schulen sich an den Erlass halten, „haben wir nicht abgefragt, aber wir nehmen das jetzt zum Anlass, das Feedback in Erinnerung zu rufen“, sagt Tirols Bildungsdirektor Paul Gappmaier. Er gibt aber zu, dass man in der Feedback-Kultur „verbesserungsfähig ist“. Warum trotz Erlass viele Schulen nicht evaluieren, liegt für Gappmaier „vielleicht daran, dass alles ein bisschen zu kompliziert ist. Daher werden wir den Erlass überarbeiten.“ Von der App zur Lehrerbewertung hält er nichts. „Sie hat nichts mit einer seriösen Bewertung zu tun.“ Peter Spanblöchl, Vorsitzender der Tiroler Lehrergewerkschaft der Pflichtschullehrer, zeigt sich unaufgeregt, sieht die App aber sehr kritisch. „Ich frage mich, ob das Instrumentarium geeignet für eine Feedback-Kultur ist und wie die Sache datenschutzrechtlich aussieht.“

Bildungswissenschafter Hopmann: „Österreich bei Schülerrechten weit hinten“

Die am Freitag präsentierte Lehrerbewertung per Smartphone-App ist bereits im Vorfeld auf viel Kritik gestoßen. Sollte man sie verbieten, wie der oberste Lehrervertreter Paul Kimberger (FCG) gefordert hat?

Stefan Thomas Hopmann: In einem Web-basierten Rückmeldesystem kann alles gut oder alles schlecht gehen. Da kann es vernünftige Kommentare geben, es kann aber auch in einer Schmutzkübelkampagne ausarten. In welche Richtung es geht, kann niemand sagen. Ich finde dieses System nicht sehr geeignet, weil es keinen direkten Austausch gibt. Von Verboten halte ich aber nichts, denn dann verständigen sich Schüler halt über andere Kommunikationssysteme über die Lehrer. Auf dem Schulhof, in Chats oder auf Facebook.

Welche Strategie empfehlen Sie den Lehrern?

Hopmann: Die beste Gegenwehr ist, dass es an Schulen eine offene Kommunikationskultur gibt. Schüler sollen Kritik äußern können, ohne Angst vor Folgen zu haben. Dann kann uns eigentlich eine solche App egal sein. Bei uns an der Universität ist die Bewertung längst üblich, auch ich werde regelmäßig von Studenten bewertet.

Und wie steht es um das Mitspracherecht der Schüler in Österreich?

Hopmann: Österreich steht, was die formalen Rechte der Schüler betrifft, ziemlich weit hinten. Die Schülermitbestimmung spielt im Schulsystem nur eine marginale Rolle. Das darf nicht verwechselt werden mit dem Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern. Das ist oft schon freundschaftlich, aber dennoch haben die Schüler keinen substanziellen Einfluss.

Und die Eltern?

Hopmann: Auch Eltern haben null Chance, sinnvoll zu intervenieren, auch dann, wenn ein Lehrer offensichtlich am Ziel vorbeiarbeitet. Das kann ich aus eigener Erfahrung als Elternvertreter sagen.

Ist das der Grund, dass jetzt so ein Hype um die App entbrannt ist?

Hopmann: Je weniger formale Möglichkeiten man hat, desto wichtiger sind informelle. Ich kann mich nur wiederholen: Gäbe es eine vernünftige Kommunikationskultur, bräuchte man die App nicht fürchten.

Das Interview führte Brigitte Warenski

Fünf Fragen an: Benjamin Hadrigan, Erfinder der Lehrerbewertungs-App:

„Die Leistung wird endlich anerkannt“

Drei Tage vor seinem 18. Geburtstag präsentierte Benjamin Hadrigan am Freitag die Lehrerbewertungs-App, die er mit Hilfe von Firmen und Investoren umsetzte. Der Aufschrei der Gewerkschaft im Vorfeld war für ihn nicht verständlich.

1) Was war der Auslöser, dass Ihnen die Idee zu dieser App kam?

Mir ist sehr wichtig, dass sich in unserem Schulsystem etwas verändert, denn es ist veraltet. Als Schulsprecher wollte ich vor zwei Jahren in meiner Schule Lehrerbewertung einführen, das ist mir aber nicht gelungen. Mit der App kann ich es nun erfüllen. Bildung ist wichtig, eine Feedback-Kultur braucht es, so wird alles transparent und das ist wichtig, um Qualität zu erhalten.

2) Schon die Ankündigung der App reichte, dass die Wogen hochgingen. Verständlich oder bedenklich?

Es hat mich verwundert und es ist bedenklich, wie die Lehrergewerkschaft arbeitet. Sie wollte rechtliche Schritte einleiten, ohne überhaupt zu wissen, wie die App funktioniert. Ich denke, die Lehrer freuen sich darauf, um sich so verbessern zu können.

3)Die erste Bewertung von Ihnen wird eine negative oder eine positive sein?

(lacht) Eine gute Frage. Natürlich eine sehr positive, da es sehr gute Lehrer gibt. Es gibt eine Studie, dass Frisör einer der glücklichsten Berufe ist. Frisöre erhalten immer Feedback, zumeist ein positives. Und wenn es umgekehrt ist, weiß man, wie man sich verbessern kann.

4) Glauben Sie nicht, dass es eher eine Plattform ist, um Frust abzuladen?

Nein. Ich denke, dass dadurch endlich die Leistung von Lehrern anerkannt wird. Das ist wichtig, wenn das nicht der Fall ist, verlieren Lehrer irgendwann die Motivation. Die App hat den großen Vorteil, dass eventueller Frust der Schüler kanalisiert und in eine geordnete Bahn gebracht wird. Die Schüler werden ernst genommen.

5) Besteht Bashing-Gefahr (öffentliche Beschimpfung)?

Nein. Es gibt lediglich Sterne zur Bewertung, ohne Kommentarfunktion. Es werden objektive Fragen gestellt, nichts Persönliches.

Das Interview führte Manuel Lutz


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