„La Vestale“ im Theater an der Wien: Ein Strohfeuer im Vestatempel

Bemüht gescheitert: Rettungsversuch für Gaspare Spontinis Schlüsselwerk „La Vestale“ im Theater an der Wien.

Eine Rarität, bei der nicht alles, was klingt, auch glänzt: „La Vestale“ mit Elza van den Heever in der Titelrolle, derzeit im Theater an der Wien.
© Kmetisch

Von Stefan Musil

Wien –Es gibt Opern, die sind legendär, werden aber nicht mehr gespielt. Spontinis „La Vestale“ zählt dazu. Dank der Unterstützung von Kaiserin Joséphine kam sie 1807 in Paris heraus. Ein Sensationserfolg, bald auch in ganz Europa. Das Interesse verlosch Ende des 18. Jahrhunderts, flammte dank Maria Callas 1954 in Mailand kurz wieder auf. Einzelne Wiederbelebungsversuche folgten. Immerhin gilt die „Vestalin“ als Bindeglied zwischen Gluck und der Grand Opéra eines Meyerbeer, war auch für Wagner, Berlioz und Verdi von Bedeutung.

So etwas daher auch einmal in seiner ganzen Pracht, samt Ballettmusik, damals ebenfalls eine Novität, auf der Bühn­e zu erleben, hat etwas für sich, bereichert. Man dankt dem Theater an der Wien. Auch im Scheitern. Denn Hand aufs Herz: Nicht alles, was hier klingt, glänzt auch. Da findet sich viel musikalische Makulatur. Auch wenn die Vestalin Julia ihre große Szene im zweiten Akt hat, die die Callas einst zu voller Größe auffuhr. Man horcht immer wieder auf, dank netter Melodien. Es gibt auch schön­e Chöre, die in gewohnter Qualität vom Arnold Schoen­berg Chor geliefert werden. Man darf hören, wie Spontini die Raumakustik mit Fernchören und Bühnenorchester neu denkt, erkennen, wie Altes gegen Zukunftsträchtiges steht. Chapeau, dass der mit den Wiener Symphonikern im Graben mustergültig am Pult waltend­e Bertrand de Billy und der Regisseur Johannes Erath so viel wie möglich von der Partitur aufführen wollten. Doch spätestens beim Ehrgeiz, das Ballett des ersten Aktes als bunte Pantomime zu zeigen, war der Beweis geführt, dass weniger mehr gewesen wäre. Im dritten Akt ist die Luft dann ganz draußen.

Johannes Erath fällt mehr ein, als erlaubt sein sollte. Für eine eher seichte Liebesgeschichte, in der die Vestalin Julia, zum keuschen Priesterinnenleben verdammt, während ihr Held Licinius für Rom kämpfte, beim Rendezvous mit dem Rückkehrer das heilige Feuer verlöschen lässt. Worauf sie eingemauert werden soll, bis Göttin Vesta per Blitz es wieder entfacht. Erath möchte eine Gesellschaft im autoritären Staat zeigen, wo alle unter Angst gleichgeschaltet funktionieren. Das besitzt im ersten Akt noch überzeugende Momente. Doch scheint er selbst nicht ganz ans eigene Konzept zu glauben, bricht es mit Ironie, jedoch auch nur halbherzig, und überfüttert es mit einer Unmenge an szenischen Idee­n und Details, die nicht immer schlüssig sind.

Die Sänger mühen sich daz­u bewundernswert redlich. Elza van den Heever punktet als Vestalin mit ihrem etwas kehligen, aber zur Attacke allzeit bereiten Sopran. Der Liciniu­s von Michael Spyres bietet ihr mit geschmeidigem Tenor schön Paroli. Franz-Josef Selig orgelt den Oberpriester gefährlich schmierig, Claudia Mahnke ist ihm als Obervestalin mit kraftvollem Mezzo passende Komplizin, während Tenor Sébastien Guèz­e als Cinna auf Expression setzt. Als das Vestafeuer, hier das rot leuchtende Flammenherz einer Madonna, wieder brennt, ist die Freude groß auf der Bühne – und erleichtert.


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