Goran Bregovic: Zum Weinen schön, zum Tanzen wild

Goran Bregovic´ verwandelte mit der „Wedding and Funeral Band“ das Wiener Konzerthaus am Ende seines Auftritts in ein Tollhaus. Einmal mehr.

Goran Bregovic´ (Archivbild) und seine „Wedding and Funeral Band“ ließen musikalisch die Welt des zerstörten Jugoslawien auferstehen.
© imago

Von Michael Sprenger

Wien –Goran Bregovic´ ist ein Ausnahmemusiker. Immer wieder hat er sich neu erfunden. Im alten Jugoslawien war er mit seiner Band Bijelo Dugme ein gefeierter Rockstar. Die Musik war unverwechselbar ob ihrer Symbiose aus Balkan-Folklore und westlichem Beat. Aus seiner Freundschaft mit Emir Kusturica entstanden wunderbare Filmkompositionen („Underground“ oder „Time of the Gypsies“). Jetzt erzählt Bregovic´ von Todesfällen und Hochzeiten – und schafft so seiner alten Heimat ein musikalisches Denkmal.

Mit seinem Projekt „Three Letters from Sarajevo“ erinnert er an das Leben und Treiben in jener bosnischen Stadt, die auch den Namen Klein-Jerusalem trägt.

Die Klammer des knapp zweieinhalbstündigen Konzerts im (bestuhlten) Wiener Konzerthaus waren drei musikalische Briefe. „Christian Letters“ mit der serbischen Sologeigerin Mirjana Neškovic´ wurde zu einem traurig-schönen Dialog mit der Klarinette. Der „Muslim Letter“ (Zied Zouari Violine) rief die Kriegswirren in Erinnerung, während der „Jewish Letter“ mit Gershon Leizerson als Solist weinende Hoffnung verbreitete.

Durchbrochen wurde die Melancholie immerzu durch brachial einsetzenden Balkan-Brass-Sound, der das Konzerthaus in ein Tollhaus verwandelte. Nach der herzzerreißenden Roma-Ballade „Ederlezi“, angestimmt von zwei bulgarischen Sängerinnen und einem Männerchor, war klar, dass es keiner mehr auf seinem Stuhl sitzend aushielt. Die Sehnsucht nach dem alten Jugoslawien war spür- und hörbar.

Goran Bregovic´, Gitarrist, Sänger und Komponist, griff in sein Repertoire und trieb sein Orchester zur Höchstform an. Bei „Kalasnjiko­v“ und der Balkan-Version des Kampfliedes „Bella Ciao“ war die Welt kurz in Ordnung. Partisanen ballten die Faust, Nachbarn respektierten sich – verzaubert von der Musik.


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