„Quichotte“ von Salman Rushdie: Kränkung und Krankmacher

In seinem neuen Roman „Quichotte“ schickt Salman Rushdie einen hoffnungslos-hoffnungsvollen Idioten durch die USA. Am Samstag präsentierte er ihn in Wien.

Salman Rushdie war für „Quichotte“ heuer für den renommierten Booker-Preis nominiert.
© APA

Wien –Als vor ziemlich genau dreißig Jahren in Berlin die Mauer fiel, wurde die um Salman Rushdie hochgezogen. Im Herbst 1989 saß er in einem vom britischen Geheimdienst bewachten Haus irgendwo in London. Die Jalousien waren zu. Die Welt war aus-, Salman Rushdie eingesperrt.

Wenige Monate zuvor war sein vierter Roman „Die satanischen Verse“ erschienen – und der Sturm zog auf. In Pakistan, im Iran, aber auch in Großbritannien protestierten Tausende Muslime gegen das Buch und seinen Autor. Der Vorwurf: Gotteslästerung.

Tatsächlich finden sich in Rushdies irrwitziger Satire Passagen, die – etwas absichtsvolles Bemühen vorausgesetzt – das Potenzial zur Kränkung haben. Der Satan höchstselbst habe Mohammed seine Lehren eingeflüstert, lässt Rushdie einen seiner Protagonisten fieberfabulieren.

Am 14. Februar 1989 setzte sich Ajatollah Chomeini, iranischer Revolutionsführer und geistliches Oberhaupt des Landes, an die Spitze des Protestes: In einer Rundfunkansprache informierte er „die frommen Muslime in aller Welt“, dass der Autor des Buches „Die Satanischen Verse“ zum Tode verurteilt sei.

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Salman Rushdie, 1947 im indischen Bombay geboren und am ruhmreichen King’s College in Cambridge ausgebildet, Autor des Meisterwerks „Mitternachtskinder“ (1982), erfuhr bei der Beerdigung seines Freundes Bruce Chatwin vom Todesurteil – und tauchte unter. Mehr als zehn Jahre lang lebte Salman Rushdie im Verborgenen.

30 Jahre sind eine lange Zeit. Angst habe er keine mehr, sagt Salman Rushdie inzwischen. Anfang der 2000er distanzierte sich Irans geistliche Führung vom Todesurteil. Aufgehoben könne es aber nur von Chomeini werden, der 1989 starb. Ein Schlussstrich? Ja und nein. Das von einem Verbund staatsnaher iranischer Medien ausgeschriebene Kopfgeld für die Ermordung Rushdies wurde 2016 auf knapp 4 Millionen Dollar erhöht. Aber Rush­die versteckt sich nicht mehr. Über das Todesurteil, die so genannte Fatwa, macht er sich 2017 zusammen mit dem Komiker Larry David in „Fatwa. The Musical“ lustig. Selbst Pay-TV-Sender HBO strahlt die bitter-böse Revue nur einmal aus. Auf Leibwachen und Geheimniskrämerei verzichtet der Autor schon seit 2001, als – ausgerechnet am 11. September – sein großartiger New-York-Roman „Wut“ erschien.

Auch im Wiener Volkstheater, wo Salman Rushdie am vergangenen Samstag seinen jüngsten Roman „Quichotte“ vorstellte, waren die Sicherheitsvorkehrungen überschaubar. Ähnlich überschaubar wie der Publikumsandrang. Ob es an der namhaften Konkurrenz, an Alaba und Arnautovic im Happelstadion, großer Oper an der Wien oder einer gewissen Literaturmüdigkeit – die Buch Wien liegt erst wenige Tage zurück – lag? Egal, der entspannte – und nach mehrwöchiger Deutschlandtour gut geölte – Auftritt des Weltliteraten geriet zum intimen Abend für Eingeweihte, auf etwas arg großer Bühne vielleicht.

Die allerdings verstand Rush­die im Gespräch mit Autor und Übersetzer Martin Thomas Pesl mit weit ausholenden Anekdoten und trockenen Pointen zu füllen. So erfuhr man, dass es nicht nur Cervantes und dessen Überroman „Don Quijote“ war, der ihn zum „Quichotte“ – die französische Schreibweise entlieh Rushdie sich bei Massenets gleichnamiger „Comédie-héroïque“ – inspirierte, sondern auch das absurde Theater von Ionescos „Die Nashörner“. Ein solches nämlich hat Rushdie als Student gespielt. Und dabei gelernt, dass das Stück um einen grausamen Kern kreist: „Es geht um Faschismus. Darum, dass sich Menschen in Monster verwandeln.“

In „Quichotte“ frönt Salman Rushdie seinen Obsessionen und Leidenschaften: Pop und Politik, Magie und Mammuts, finstere Vorahnungen, überdrehte Gags, waghalsige Volten. Ein Buch über die Vereinigten Staaten in dunkler Gegenwart habe er schreiben wollen, einen „Road-Novel“. Und im „Ritter von der traurigen Gestalt“ habe er einen perfekten Reisegefährten gefunden. Bei ihm allerdings ist der Quichotte ein indischstämmiger Handlungsreisender, den maßloser Reality-TV-Konsum um den Verstand brachte – und der sich seinen Sancho (ganz ohne Panza) erst erfinden musste. „Quichotte ist ein hoffnungslos hoffnungsvoller Idiot“, sagt Rushdie. Einer, der sich wider besseren Wissens in ein unerreichbares TV-Sternchen verliebt. Dass er seine Dulcinea – auch sie hat indische Wurzeln, nennt sich vielsagend Salma R. und hat gleich mehrere seifenoperntaugliche und einige handfeste Probleme – tatsächlich trifft, ist das Verdienst des Schurken, der es dank amerikanischer Pharma-Gläubigkeit zu ungehörigem Wohlstand brachte.

Spätestens hier zeigt sich Salman Rushdie nicht nur als Fabuliervirtuose, sondern auch als hinterhältiger Plot-Bastler und scharfer Zeitdiagnostiker. Denn harmlos ist „Quichotte“ allem kunterbunten Wahnwitz samt sprechender Grille zum Trotz nicht. Rushdie hat ein schonungslos zorniges Buch über Sucht und Geschäftemacherei geschrieben. „Die gewissenlose Vermarktung von Medikamenten fordert Menschenleben. Vor zwölf Jahren wurde ich aus dem Schlaf geklingelt. Meine Schwester starb an einer Überdosis. Sie war nicht krank. Aber sie wurde abhängig gemacht und damit allein gelassen. Auch darüber wollte ich schreiben.“ (jole)

Roman Salman Rushdie: Quichotte. Bertelsmann, 460 S., 25,70 Euro.


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