„Doctor Sleep“: Der seltsame Doktor im Overlook-Hotel

Mit „Doctor Sleep“ geht die „Shining“-Saga weiter. Eine Fortsetzung von Stanley Kubricks Horrorklassiker will der Film aber trotzdem nicht sein.

Dan Torrance (Ewan McGregor) muss sich den Dämonen seiner Vergangenheit stellen.
© Warner

Von Marian Wilhelm

Innsbruck –Eine gute Gästebewertung bekommt das Overlook-Hotel in Colorad­o eher nicht. Nach allem, was Danny Torrance dort als kleinem Bub widerfahren ist, hat er sich lieber an die Ostküste verzogen. 40 Jahre sind seit den Ereignissen in „The Shinin­g“ vergangen. Den alkoholgeschwängerten Dämonen, die einst seinen Vater in den Wahnsinn trieben, ist auch Danny nur schwer entkommen. Doch mittlerweile ist Dan (Ewan McGregor) Nachtpfleger im Hospiz und begleitet die Sterbenden als „seltsamer Doctor Sleep“ mit seiner Gabe sanft in den Tod.

Doch als auf seiner Zimmerwand das berühmte Wort „Redru­M“ erscheint, kann er sich dem Hilferuf nicht verwehren. Die kleine Abra (Kyliegh Curran) kontaktiert ihn aus der Ferne. Wie Dan hat auch sie das „Shine“. Und sie ist einer mörderischen Hippie-Sekte namens „The True Knot“ auf der Spur, die Jagd auf begabte Menschen macht, um ihnen ihre Fähigkeiten zu rauben. Wie eine Mischung aus Vampiren und den „X-Men“ nähren sie sich vom Rauch, den die schreienden Begabten ausströmen. Ihre Anführerin ist eine coole Hex­e mit Fahrradkette im Haar, die auf den Namen Ros­e The Hat (Rebecc­a Ferguson) hört. Dan muss Abra vor ihnen beschützen.

39 Jahre sind vergangen seit der Premiere des prestigeträchtigsten Horrorfilms der Kinogeschichte. Der Kontrollfreak und Regie-Meister Stanley Kubrick verfilmte damals den Stephen-King-Roman mit eiskalter Hand als visuell durchkomponierten Psychothriller. Dass King damit nicht glücklich war, ist kein Geheimnis. Was in Kubricks visuell berauschendem, hermetischem Leinwand-Schocker nämlich unterging, ist die psychologisch-übernatürliche Dimension des „Scheinens“ sowie der Humanismus der tieferliegenden Themen.

Die aktuelle Adaption von Kings Romanfortsetzung „Doctor Sleep“ von 2013 versucht deshalb auch gar nicht erst in Kubricks Fußstapfen zu treten. Stattdessen geht Drehbuchautor und Regisseur Mike Flanagan ein paar Schritte zurück und umschifft damit allzu große Erwartungshaltung.

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In etwas zähen zweieinhalb Stunden inszeniert er ein einigermaßen spannendes Katz-und-Maus-Spiel mit unheimlich-übernatürlichen Figuren. Darin spielt dann auch das berühmt-berüchtigte Overlook-Hotel auf durchaus geschickte Weise wieder eine Rolle. Kubricks Bilderwelten werden in raffinierten Referenzen zwischen Hommage und Neuinterpretation wachgerufen. Auch wenn der gespenstische Barkeeper darauf beharrt, dass es sich um eine Verwechslung handelt.

Das Motto von „Doctor Sleep“ ist aber, getreu Stephen Kings Vorlage, ein anderes: weniger blutiger Horror und Angst, dafür mehr unheimliche Stimmung und mehr Menschlichkeit. Die USA sind kein schrecklicher, aber ein unheimlicher Ort geworden. Das weiß auch der erklärte Trump-Gegner Stephen King, der in seinen Büchern seit jeher ein Seismograf der amerikanischen Seele ist. Diesmal ist er, im Gegensatz zum US-amerikanischen Kinopublikum, das sich nicht für „Doctor Sleep“ erwärmen wollte, mit der Adaption sehr zufrieden. Und am Ende ist das Overlook vielleicht besser als sein Ruf.


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