Diskussion über Nachhaltigkeit: „Man muss über Schrumpfung reden“

Unter dem Titel „Sind wir noch zu retten?“ wurde am Dienstagabend im Haus der Begegnung über Nachhaltigkeit im 21. Jahrhundert diskutiert.

© Thomas Boehm / TT

Innsbruck –Der Klimawandel und seine Folgen seien besonders durch das Engagement der Fridays-For-Future-Bewegung rund um die schwedische Schülerin Greta Thunberg zum Thema geworden, jedoch: „Politik und Wirtschaft scheinen das Problem aussitzen zu wollen“, sagt der Theologe Klaus Gabriel. Unter dem Titel „Sind wir noch zu retten?“ wurde am Dienstagabend im Haus der Begegnung über Nachhaltigkeit im 21. Jahrhundert diskutiert. Für den Nachhaltigkeitsforscher Fred Luks ist der Umgang mit Nachhaltigkeit heute ein anderer als noch vor zehn Jahren. Das Thema sei aber nicht neu, schon 1987 habe die ehemalige norwegische Ministerpräsidentin im nach ihr benannten Brundtland-Bericht eine nachhaltige Entwicklung definiert. Demnach sei eine nachhaltige Entwicklung eine Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können. Daran halte sich aber niemand, sagt der Nachhaltigkeitsforscher. Luks sieht noch keine Technologie am Start, die etwa den Ausstieg aus fossilen Energieträgern schnell möglich macht. Für ihn ist für die Wirtschaft klar: „Man muss über Schrumpfung reden.“ Denn: „Es gibt keine Entkoppelung von Wirtschaftswachstum und fossilen Energieträgern.“ Für ihn nicht möglich sei, das Klima zu retten und weiter ein Wirtschaftswachstum zu erzielen.

Jene 1,7 Prozent, die Österreichs Wirtschaft aktuell wächst, sind für die stellvertretende Präsidentin der Wirtschaftskammer Österreich und Liftunternehmerin Martha Schultz „kein reales Wachstum mehr“. Für sie ist klar: „Wie Wirtschaft derzeit funktioniert, braucht es Wachstum.“ Sie fordert für die kleinstrukturierten Unternehmer Österreichs einen Bürokratieabbau und ein ökologisches Steuersystem. Auch die ökosoziale Marktwirtschaft des ehemaligen ÖVP-Landwirtschaftsministers Josef Riegler sei eine wirkliche Zukunftsperspektive.

Für Bischof Hermann Glettler klingt der Plan „weniger ist mehr“ durchaus stimmig. „Das Wachstumsparadigma muss hinterfragt werden.“ Schrumpfen und Verzicht seien andere Formen von Wohlstand. Nachhaltigkeitsforscher Luks appelliert an reiche Staaten wie Österreich: „Was erwarten wir vom Süden, wenn wir es im reichen Österreich nicht schaffen, uns zu verändern?“

Bischof Glettler fordert Spiritualität für die ökonomische Wende. Und: „Dankbarkeit muss wieder eine Haltung werden.“ Für Glettler „brauchen „Menschen Visionen und Perspektiven“, der Glaube helfe dabei. Er selbst habe schon zweimal an einer Protestkundgebung der Fridays-For-Future-Bewegung teilgenommen. Den energischen Vorwurf der Jugend „Ihr habt uns unsere Zukunft geraubt“ nehme er sehr ernst.

Die Bedeutung der Zivilgesellschaft für den Klimawandel betont auch TT-Chefredakteur Mario Zenhäusern. Derzeit sei nicht nur beim Thema Klima, sondern auch bei geplanten touristischen Großprojekten (z. B. Verbindung der Gletscherskigebiete Pitztal/Ötztal, Anm.) das Protestpotenzial in der Bevölkerung groß. (ver)


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