Nach Hochwassernotlage: Die zwei Gesichter Venedigs

Zum fünften Mal werden heute in einer Woche die Venezianer abstimmen, ob sich die Lagunenstadt vom Festland-Stadtteil Mestre trennen soll.

Der Ausblick auf ein anderes Venedig: der Stadtteil Mestre auf dem Festland. Separatisten wünschen sich die Trennung von Lagunenstadt und Mestre.
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Venedig –Noch während die Stadt mit den schweren Hochwasserschäden von vergangener Woche beschäftigt ist, beginnt die heiße Kampagnenphase für eine am 1. Dezember geplante Volksabstimmung. Mit dem Referendum müssen die Venezianer nächsten Sonntag entscheiden, ob es zu einer Trennung zwischen der Lagunenstadt und Mestre – einem Stadtteil auf dem Festland – kommen soll.

Tausende Unterschriften waren in den vergangenen Jahren zur Unterstützung einer Volksabstimmung über die Trennung zwischen Lagune und dem „Festland“ Mestre gesammelt worden. Die Abstimmung ist bereits die fünfte seit 1979. Bisher waren alle Versuche der Trennung gescheitert. Diesmal könnte es jedoch anders sein.

700.000 Euro betragen die Kosten der Volksabstimmung, für die die Region Venetien aufkommt. Damit die Volksbefragung gültig ist, müssen 50 Prozent der Wahlberechtigten an der Abstimmung teilnehmen.

Beim letzten Referendum 2003 hatten es die Teilungsbefürworter auf 48 Prozent der Stimmen geschafft. Zwei von drei Venezianern leben mittlerweile auf dem Festland, gut 200.000 allein in der Industriestadt Mestre und Umgebung. Die Einwohnerzahl in der Lagunenstadt ist dagegen seit Jahrzehnten rückläufig und seit 1952 von 175.000 auf unter 55.000 geschrumpft. Die Zahl der Bewohner Mestres ist also wesentlich höher als die Venedigs, weshalb das Festland nicht nur den venezianischen Bürgermeister bestimmt, sondern auch den Ausgang des Referendums.

Die Separatisten argumentieren, dass die Lagun­e und das Festland sich derart unterschieden, dass eine gemeinsame Verwaltung nicht möglich sei. Die Trennungsgegner sagen, das würde nur die Verwaltungskosten erhöhen, aber nichts bringen. Für die Trennung sind die rechte Lega, autonomistische Bewegungen und die populistische Fünf-Sterne-Bewegung, die Demokratische Partei (PD) und die Forza Italia um Ex-Premier Silvio Berlusconi wehren sich dagegen.

Gegen die Trennung ist aber auch der Bürgermeister von Venedig, Luigi Brugnaro, der die Wähler zur Stimmenenthaltung aufruft. Folgen die Venezianer Brugnaros Appell, würde das Referendum am Quorum scheitern. Der Mitte-rechts-Stadtchef ist der erste Bürgermeister, der nicht in Venedig lebt, sondern in Mogliano Veneto, weshalb er sich als „Festlandsvenezianer“ bezeichnet.

„Kommt es zu einer Trennung zwischen Mestr­e und Venedig, gibt es kein Zurück. Wir haben Millionen Euro Investitionen getätigt, um auf dem Festland neue Arbeitsplätze zu schaffen. Klein ist fein, aber groß ist besser. Die Geschichte lehrt uns, dass Venedig und das Festland geschlossen bleiben müssen, denn so sind sie beide stark“, argumentiert der Bürgermeister.

Anders sehen die Lag­e die Befürworter der Scheidung. Die Trennung ermögliche dem Bürgermeister von Venedig, sich ausschließlich auf die Bedürfnisse der Lagunenstadt zu konzentrieren, die ganz anders als jene von Mestre und Umgebung seien. Nur ein Bürgermeister, der ganz auf Venedig konzentriert sei, könne die Stadt vor Hochwasser, Massentourismus und der Ein­wohnerflucht retten. Schon jetzt würden zwei Drittel der Venezianer auf dem Festland leben, lautet das Argument der Trennungsbefürworter.

Mestre und Venedig waren außerdem bis 1926 getrennt, als Benito Mussolini die beiden Städte miteinander verschmolz. Damals war Mestre jedoch fast noch ein Dorf. Wegen der hohen Kosten des Massentourismus seien die kommunalen Steuern in der Gemeinde Venedig Italien-weit am höchsten.

„Das Komitee für die Autonomie Venedigs will der Lagunenstadt die Würde einer Gemeinde für sich zurückgeben, die sich nicht mit den Problemen des Festlands konfrontieren muss, die total anders sind“, betonen die Befürworter der Trennung. Nur mit einem auf Venedig fokussierten Bürgermeister könnten die einmaligen Eigenschaften dieses Juwels besser geschützt werden, lautet das Argument. (TT, APA)


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