Schuberts schauerliche Lebens-Unerbittlichkeit

Franz Liszt traf mit der Bemerkung, dass Schubert „Gefühle in begrenzte, aber scharf ausgeprägte Konturen" fasse und die besondere Gabe habe...

Annette Seiler und Stefan Zenkl mit Schubert im Haus der Musik Innsbruck.
© TLM/Andreas Holzmann

Franz Liszt traf mit der Bemerkung, dass Schubert „Gefühle in begrenzte, aber scharf ausgeprägte Konturen" fasse und die besondere Gabe habe, „lyrische Inspirationen im höchsten Grade zu dramatisieren", noch auf Unverständnis. Liszt war seiner Zeit voraus.

Und selbst Franz Schubert hatte gewusst, dass seine „schauerlichen" Lieder der „Winterreise" sogar die Freunde verstören mussten. Die ersten zwölf Texte aus Wilhelm Müllers Sammlung „Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten" vertonte er im Februar 1827, die weiteren zwölf im folgenden Oktober. Er war in erbärmlicher Verfassung, litt schon seit fünf Jahren, seit seinem 25. Lebensjahr, an der Krankheit, die ihm dann nur noch 13 Monate gönnte.

Liebe, Schmerz, Sehnsucht, Einsamkeit, Unstetigkeit, Ungewissheit, Tod sind als Motive eingeflossen in die Wanderschaft, einen zentralen Topos der deutschen frühromantischen Dichtung. Schubert hat hier alle Konventionen der Lied-Komposition seiner Zeit negiert und die schlicht gehaltene äußere Form der Lieder mit allein dem Ausdruck dienlichen Mitteln erfüllt.

Im Haus der Musik Innsbruck interpretierten am Freitag der österreichische Bariton Stefan Zenkl und die Pianistin Annette Seiler den Zyklus auf Einladung der Veranstalter von musikmuseum und HdMI. Zenkl beherrscht den technischen Umgang zwischen energischem, und doch gezügeltem Ausbruch und lyrischer Zurücknahme, auch die hervorragende Aussprache, die den Textabdruck im Abendprogramm überflüssig macht, und ist fern jedes Manierismus. Aber er bleibt meistens im mittleren dynamischen Bereich und lässt sich, was Farbgebung, Schattierung und Ausdrucksnuancen betrifft, zu viele Stellen in Text und Musik entgehen.

Nach dem narrativ gehaltenen ersten Abschnitt intensivierte Zenkl die Beteiligung, ließ „Im Dorfe", wo der tiefreligiöse Pazifist Schubert seine Verachtung für Metternichs Polizeistaat zeigt, etwas Ironie hören. Ingesamt blieb die Interpretation flach.

Dabei hätte ihn die großartige Annette Seiler am Hammerflügel Conrad Grafs, der allein schon ein Wunder ist, bereits in den Vorspielen zu den Liedern an die Hand genommen. Mit den Erzählungen ihrer Anschlag- und Phrasierungskunst, bevor sie bewegend, fragend, deutend Schuberts in den kleinen Kosmen manifestierter Lebens-Unerbittlichkeit folgte. (u.st.)


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