Peter Handke: „Ich scheiß‘ auf Superlative wie ,die Größten‘“

Peter Handke empfing die APA zum Interview. Nach einer Frage zu seinem jugoslawischen „Gefälligkeitspass“ brach er das Gespräch ab.

© AFP

Chaville –Er werde künftig keine Journalistenfragen mehr beantworten. Das soll Peter Handke im Oktober Reportern angekündigt haben, die ihn nach einer Feier in Griffen mit Aussagen seiner Kritiker konfrontierten. Mittlerweile empfängt der Nobelpreisträger von 2019 wieder ausgewählte Gäste: Ulrich Greiner von der Zeit hat ihn kürzlich in seinem so oft beschriebenen Haus in Chaville nahe Paris besucht. Nun war auch Wolfgang Huber-Lang, Kulturchef der österreichischen Presseagentur APA, da. Gut eine Stunde habe man sich unterhalten. „Ein angenehmes Gespräch, wirklich subtil und fein“, soll Handke zunächst angemerkt haben. Als Huber-Lang das Gespräch auf die durch die Zuerkennung des Nobelpreises neuer­lich aufgeflammte Debatte über seine Jugoslawien-Texte lenkte, hat sich die Laune des Dichters allerdings erheblich verschlechtert. „Ich habe es ein bisschen satt, darüber zu reden, denn es gibt für mich im Grunde nichts zu sagen“, wehrte Handke zunächst ab. „Ich werde aber agieren ab und zu. Ich stelle mir einiges vor, was ich machen könnte – das werden Sie vielleicht noch erleben. Nichts Böses. Vielleicht, dass mir eine Idee von Versöhnlichkeit kommt. Eine Idee der Wirklichkeit.“

Die Aussöhnung mit dem Journalismus, den Handke schon mal als „Fremdfuchtelei“ bezeichnet, scheint noch fern: „Wenn noch ein Journalist zu mir kommt und dieses Thema anschneiden möchte, werde ich verlangen, dass er alle Aufsätze, Essays, Reiseberichte, Reflexionen und Erzählungen zu Jugoslawien Wort für Wort gelesen hat“, sagte Handk­e – und stellte klar: „Wenn irgendetwas bestehen bleiben wird vom Geschriebenen zu diesem vom Westen verantworteten Kriegen – im Westen sind die Haupt­schuldigen –, wenn da irgendwas bleiben wird, dann werden das meine Sachen sein.“

Huber-Langs Frage nach Handkes 1999 ausgestelltem jugoslawischen Pass, der zuletzt für Spekulationen sorgte, brachte das Fass schließlich zum Überlaufen: Über diesen „Gefälligkeitspass“ sei alles gesagt, sagte Handke – und brach das Gespräch ab. Er wolle ihn in Stockholm nicht sehen, erklärte er seinem Gesprächspartner wenig später beim Abschied am Gartentor.

Dort wird Peter Handke am 10. Dezember der Nobelpreis für Literatur verliehen. Bereits am 7. Dezember wird er seine Nobelpreisrede halten. Für den Tag davor – Handkes 77. Geburtstag – ist ein Presse­termin angesetzt. Über Programm und Protokoll der Verleihung mache er sich kaum Gedanken, so Handke. „Inzwischen bin ich so alt, dass ich das ohne Peinlichkeit ertragen kann.“ Einzig der Frackzwang mache ihm „ein bisserl Sorgen. Aber es gibt schlimmere Sorgen.“ Patrick Modiano, Nobelpreisträger von 2014, habe ihm versichert, „man muss nicht alles mitmachen“.

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Schon die Zuerkennung des Preises hatte Handke als Bekenntnis zur Weltliteratur interpretiert, deren Anhänger er sei – im Gegensatz zur „internationalen Literatur“, in der Sprachen nicht mehr zählen, „so als ob alles eine englische Grundlage hätte“. Ob er sich denn selbst als Teil der Weltliteratur verstehe, wollte Huber-Lang wissen. „Welt­literatur zu machen, kann man sich ja nicht vornehmen, aber für mich als Leser war das die Literatur: Dostojewski, Tolstoi, Faulkner, Cervantes“, erklärte Handke. „Ich hab’ schon in einem meiner Journale notiert, dass ich mich da mit dabei sehe, bei den großen Formen, auch der Skulptur, der Menschendarstellung – aber als kleine Figur unten am Rand. Nichts anderes war mir im Sinn. Ich scheiß’ auf Superlative wie ,die Größten‘, aber ich gehöre da irgendwo dazu.“

Das Interesse an seiner Person mache ihm indessen wenig Freude. Dass ihn am Tag der Bekanntgabe des Nobelpreises Dutzende Reporter vor seinem Haus erwarteten, sei keine angenehme Erfahrung gewesen. „Im Nachhinein habe ich mich fast ausgenützt und fast vergewaltigt gefühlt. Und mit mir die Literatur. Ich selber, ich bin einiges gewöhnt, und ich verdiene auch als Individuum manches nicht so Gutes, aber nicht die Bücher, nicht die Literatur.“ (jole)


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