Nestroy-Preise: Erste Auszeichnungen an Voigt, Öhrn, Kreisky

Im Theater an der Wien hat am Abend die 20. Verleihung der Nestroy-Preise begonnen. Maria Köstlinger, Florian Teichtmeister und ORF-III-Moderator Peter Fässlacher führten nach einem Skript von Nicolaus Hagg durch die Gala, die von ORF III ab 20.15 Uhr live-zeitversetzt übertragen wurde.

Die Moderatoren erinnerten eingangs daran, dass im ersten Jahr der Nestroy-Preise vor 20 Jahren mit Volkstheater-Direktorin Emmy Werner Wien eine einzige Theaterdirektorin hatte, und nun mit Volkstheater-Direktorin Anna Badora dasselbe der Fall wäre. „Im kommenden Jahr ist alles anders - da gibt es keine einzige Theaterdirektorin“, hieß es.

Die erste Auszeichnung des Abends durfte der deutsche Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt entgegennehmen. Seine sich langsam und beständig am Bühnenportal vorbei bewegenden Bühnen für das Theater in der Josefstadt („Der einsame Weg“ von Arthur Schnitzler) und die Salzburger Festspiele („Sommergäste“ von Maxim Gorki) wurden mit dem Ausstattungs-Nestroy belohnt. Er widmete seinen Preis der Bühnentechnik der Perner-Insel und des Theaters in der Josefstadt, ohne die die permanenten Verwandlungen seiner Bühnenbilder nicht möglich gewesen wären.

Der Spezialpreis ging an „3 Episodes of Life“ des schwedischen Künstlers Markus Öhrn, eine dreiteilige internationale Koproduktion rund um das #metoo-Thema, die bei den Wiener Festwochen im Studio Molière uraufgeführt wurde. Anhand der Grenzüberschreitungen eines Choreografen wird dabei eine verstörende Reise in die dunklen Abgründe von Kunst und Gesellschaft unternommen. Öhrn erinnerte in seiner Dankesrede an jene, mit deren Schicksal sich seine im vergangenen Jahr nominierte Produktion „Häusliche Gewalt“ beschäftigt hatte, sowie an jene tapferen Künstlerinnen und Künstler, die zur Entstehung der #metoo-Bewegung beigetragen haben - eine Bewegung, die wieder in Vergessenheit zu geraten drohe. Die Täter, die zuerst geleugnet, dann sich vorübergehend versteckt hätten, würden sonst wiederkehren, warnte Öhrn.

Der Preis für die Beste Off-Produktion ging an die mehrteilige Theater-Sitcom „The Bruno Kreisky Lookalike“ der Gruppe Toxic Dreams unter der Regie von Yosi Wanunu. Eine Werbeagentur nutzt einen Kreisky-Doppelgänger für ihre Kampagnen, bei denen der tote Alt-Kanzler so ziemlich alles an den Mann zu bringen versteht. Wanunu plädierte in seiner Rede für eine Öffnung des gesamten Nestroys für die Off-Szene, um sich nicht immer wie der verrückte Onkel fühlen zu müssen, der pro forma einmal im Jahr zum Weihnachtsfest eingeladen werde, und deklarierte, dass er nicht aus Unvermögen in der Off-Szene arbeite, sondern aufgrund einer bewussten Entscheidung.

Der bei einer Online-Abstimmung entschiedene, zum zehnten Mal vergebene Nestroy-ORF-III-Publikumspreis wurde heute bei der 20. Nestroy-Gala im Theater an der Wien nicht an Preisträger Thomas Frank vom Volkstheater, sondern an seinen Ensemblekollegen Jan Thümer überreicht. Frank spiele just an diesem Abend in Prag die Volkstheater-Produktion „König Ottokar“, entschuldigte Thümer den Preisträger.

Bester weiblicher Nachwuchs wurde die 1989 geborene Salzburgerin Anna Rieser für ihre Darstellung der Grace in „Dogville“ von Lars von Trier im Landestheater Linz. Eine technische Panne verhinderte zwar das Zeigen des entsprechenden Videoclips, dafür glänzte sie mit der bisher emotionalsten, persönlichen Rede: „I g‘frei mi wahnsinnig“, bekannte sie und sandte familiäre Grüße in alle Richtungen, von Gastein bis Saarbrücken.

Beim männlichen Nachwuchs wurde der 1992 geborene Wiener Regisseur Moritz Beichl für seine Inszenierung des Romans „Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war“ von Paulus Hochgatterer am Landestheater Niederösterreich ausgezeichnet. Er hoffe, im nächsten Jahr auch noch den weiblichen Nachwuchs-Preis einheimsen zu können, sagte er und schloss ebenfalls familiär: „Mama, ich liebe Dich!“

Den Autorenpreis nahm Sibylle Berg für ihr „Hass-Triptychon - Wege aus der Krise“ entgegen, das als Koproduktion der Wiener Festwochen und dem Maxim Gorki Theater Berlin lediglich zweimal in Wien zu sehen war. Die Weimar geborene und in der Schweiz lebende Autorin hat kürzlich für ihren Roman „GRM. Brainfuck“ den diesjährigen Schweizer Buchpreis erhalten. Sie habe eine 30-minütige Rede vorbereitet, sagte sie eingangs schmunzelnd, und musste während der zweieinhalb Minuten, die sie dann tatsächlich dauerte, auch mehrmals selbst lachen. Die Utopie eines antipatriarchalen, freien und kühnen Theaters, die sie entwarf, hatte sichtbar wenig zu tun mit der Realität des heutigen Theaterbetriebs - wie auch die zahlreichen Lacher im Publikum bewiesen.

Während Moderator Teichtmeister einen Spezialpreis für die unbekannte Darstellerin einer russischen Oligarchen-Nichte auf Ibiza anregte, lieferte die beste Darstellung einer Nebenrolle nach Ansicht der Jury Evi Kehrstephan. Sie wurde für ihr zwischen Servilität und Rebellion wechselndes Dienstmädchen Anna in „Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch im Volkstheater ausgezeichnet. „Dieser Preis geht auch ans Volkstheater“, sagte sie und bedankte sich sehr bei ihrem Regisseur Viktor Bodo - und bei ihren Eltern.

Die Beste Bundesländer-Aufführung kommt aus dem Schauspielhaus Graz. Dem Regisseur Jan-Christoph Gockel, der für „Der Auftrag: Dantons Tod“ bereits 2017 den Bundesländerpreis geholt hatte, gelang dies auch mit dem u.a. fünf Wochen in Burkina Faso recherchierten und erarbeiteten Fortsetzungs-Projekt „Die Revolution frisst ihre Kinder!“ Gockel nahm den Preis im Kreise seines Teams entgegen, bedankte sich für die Ermöglichung der außergewöhnlichen Bedingungen dieser Produktion und bei den Menschen in Burkina Faso für ihre Beispiele demokratischen Handelns.


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