„Der Taucher“: Der verharmloste Horror im eigenen Heim

In „Der Taucher“ erzählt Günter Schwaiger vom Überleben häuslicher Gewalt als Thriller. Heute kommt der Film zu seiner Tirol-Premiere.

Irene (Franziska Weisz, sitzend) wurde von ihrem Ex-Partner beinahe umgebracht. Mit ihrer Tochter (Julia Franz Richter) lebt sie auf Ibiza, wo sie von ihrer Vergangenheit eingeholt wird.
© Filmladen

Von Joachim Leitner

Innsbruck –Gestern Dienstag war der internationale Tag gegen Gewalt an Frauen. Die österreichischen Zahlen zum Thema geben zu denken – und sie sind Anlass zum Handeln: 2018 wurden 41 Frauen von Männern ermordet. Allein in den ersten Monaten dieses Jahres wurden 18 Frauen von ihren (Ex-)Partnern oder Familienmitgliedern umgebracht. Jede fünfte Frau ist ab ihrem 15. Lebensjahr körperlicher und/oder sexueller Gewalt ausgesetzt. Mehr als 8000 Betretungsverbote wurden 2018 laut Kriminalstatistik verhängt, 18.526 Opfer familiärer Gewalt wurden an Interventionsstellen betreut, 84 Prozent davon waren weiblich. Die Gefährder waren beinahe durchwegs männlich. Hinter jeder Zahl steht eine Geschichte, trotzdem scheint das Narrativ einer bedauerlichen, gern auch als „tragisch“ beschriebenen Folge von „Einzelfällen“ mehr als fragwürdig. Das Problem ist strukturell, der Zusammenhang mit tradierten Rollenbildern und gewachsenen Machtverhältnissen evident.

Schon in seinem Dokumentarfilm „Martas Koffer“ (2013) hat sich der aus Salzburg stammende und vornehmlich in Spanien lebende Regisseur Günter Schwaiger mit häuslicher Gewalt auseinandergesetzt – und die Arbeit von Schutz- und Präventionszentren gezeigt. Mit seinem Spielfilmdebüt „Der Taucher“ überträgt er das Thema in die Fiktion – und zeigt dadurch eindrücklich, wie traumatische Erfahrungen auch das Leben der nächsten Generation bestimmen. Heute Abend präsentiert Schwaiger seinen Film im Innsbrucker Leokino. Danach diskutiert er mit Eva Pawlata (Gewaltschutzzentrum Tirol) und Martin Christandl (Männerberatung Mannsbilder).

„Der Taucher“ spielt auf Ibiza. Hier leben Irene (Franziska Weisz) und ihre 18-jährige Tochter Lena (Julia Franz Richter). Die Beziehung scheint innig, zärtlich. Lena verarbeitet ihre Erfahrungen, ihr Heranwachsen in einem gewaltbereiten Umfeld, in Animationsfilmen. Gesprochen wird über das, was war, nicht. Bis Paul auf die Insel zurückkehrt. Paul ist Komponist. Seine internationale Karriere steht auf dem Spiel. Er muss sich vor Gericht verantworten, weil er Irene schwer misshandelt hat. Er will den Prozess verhindern. Sucht nach und findet Möglichkeiten, seine Ex-Partnerin erneut in ein Abhängigkeitsverhältnis zu ziehen, bis Lena und Pauls Sohn Robert (Dominic Marcus Singer) es wagen, vehement – und durchaus drastisch „Nein“ zu sagen. Spätestens dann kippt „Der Taucher“ von der präzise-beklemmenden Studie ins Thrillergenre, das finale Befriedigung verspricht. Das mag man als Zugeständnis an gängige Kinokonventionen deuten. An der großen und überaus wichtigen Leistung des Film ändern erwartbare Volten aber wenig: Eindrücklich zeichnet „Der Taucher“ das Über- und Weiterleben nach einem vermeintlichen „Einzelfall“ nach – und macht dabei durchwegs klar, dass der Einzelfall eben kein Einzelfall ist, sondern Ausgeburt einer gesellschaftlichen Fehlentwicklung, die – auch und gerade medial – nur allzu gern verharmlost wird.

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