Sturmtief Vaia 2018 in Osttirol: „Schäden nicht für möglich gehalten“

In nur einer Nacht im vergangenen Oktober hat das Sturmtief Vaia in Osttirol ganze Wälder gefällt. Deren Schutzfunktion für die Siedlungen im hochalpinen Raum muss nun durch Verbauungen ersetzt werden.

Lokalaugenschein in Kals.
© Christoph Blassnig

Von Christoph Blassnig

Kals a. Gr. –Das verheerenden Sturmtief Vaia hat vor einem Jahr riesige Waldflächen in weiten Teilen des Südalpenraumes und damit auch in Osttirol in nur einer Nacht zu Fall gebracht. Die Aufräumarbeiten sind noch nicht beendet gewesen, als vor zwei Wochen eine tagelange Niederschlagswelle erneut große Schäden an den Schutzwäldern verursacht hat. „Wir sprechen von einem geschätzten Ausmaß von 250.000 Festmetern Holz, die wir allein in den Novembertagen des heurigen Jahres im Bezirk Lienz erneut verloren haben“, machte der Tiroler Landesforstdirektor Josef Fuchs gestern bei einer Besichtigung in Kals aufmerksam. Gemeinsam mit der Kalser Bürgermeisterin Erika Rogl, Vertretern der Wildbach- und Lawinenverbauung und dem Landtagsabgeordneten Hermann Kuenz war in Kals ein Lokalaugenschein für Medienvertreter angesetzt.

Die Sturmnacht vom 29. auf den 30. Oktober 2018 hatte in Osttirol 600.000 Festmeter Schadholz zur Folge – das ist das Dreifache eines durchschnittlichen Jahreseinschlages. Allein im Kalsertal sind 425 Hektar Waldfläche zerstört. 90 Prozent davon dienten unmittelbar dem Schutz von Infrastruktureinrichtungen wie der einzigen Zufahrtsstraße ins Tal oder Siedlungen am Fuß von Hanglagen, welche nicht selten Steigungen von 30, 40 Prozent bis hin zum Überhang aufweisen. „Als es am Tag danach langsam hell wurde, konnten wir nicht glauben, was wir sehen“, erinnerte sich die Bürgermeisterin. Niemand im Tal habe jemals solche Schäden für möglich gehalten. „Ums­o mehr ist die Bevölkerung dankbar für die Hilfe, die wir seither erfahren haben“, sagte Rogl. In der Vergangenheit habe man in der Gemeinde alles andere als Sicherheitsbedenken gehabt. „Nach dem großen Schrecken ist die Sicherheit heute zu großen Teilen wiederhergestellt. Es ist eigentlich unfassbar, was bisher geleistet worden ist.“

Otto Unterweger, Gebietsleiter der Wildbach- und Lawinenverbauung (WLV), erklärte, dass die projektierten Aufräumarbeiten im Kalsertal innerhalb nur eines Jahres zu 90 Prozent abgeschlossen seie­n. Hanspeter Pussnig vom forsttechnischen Dienst für Wildbach- und Lawinenverbauung war mit einem Team für die Planung zur künftigen Flächenbewirtschaftung verantwortlich. „Wir haben je nach Gefährdung Prioritäten gesetzt, wo unsere Mannschaften zuerst ihre Arbeit aufnehmen mussten.“ Der heimische WLV-Bautrupp, bestehend aus zwölf Fachleuten, wurde um weitere sechs aus dem Inntal aufgestockt. Den ganzen Sommer über haben die Mannschaften Schutzbauten errichtet, um gefährdete Siedlungsgebiete wieder für den Winter zu rüsten.

Dämme müssen den Schutzwald ersetzen.
© Christoph Blassnig

Entlang der einzigen Zufahrtsstraße ins Tal musste man Fallnetze und Pfahlbauten aus Holz oder Stahl aufstellen, um Steinschlag zu verhindern und damit überhaupt erst an den Abtransport des Holzes zu denken war. Ebenso wären beispielsweise die Ortsteile Lana oder Großdorf ohne Verbauungen im Winter massiv von Lawinen bedroht, nachdem der Schutzwald darüber praktisch nicht mehr vorhanden ist.

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Die Folgekosten allein nach dem Sturmtief Vaia sind immens: Die Wildbach- und Lawinenverbauung sieht 27 Millionen Euro vor, die Landesforstdirektion rechnet mit weiteren zwölf Millionen in den nächsten 20 Jahren. „Die Wiederherstellung des Schutzwaldes braucht Zeit“, erläuterte Sektionsleiter Gebhard Walter. „Wir müssen das Schadholz entfernen, vor allem aus den Gerinnebereichen. Es gilt, aufragende Wurzelstöcke zu sichern. Technische Verbauungen müssen nicht nur Lawinen und Steinschlag verhindern, bis aus den Aufforstungen neue Baumbestände gewachsen sind – wir müssen auch Hangrutschungen und die Erosion nach Regenfällen im Auge behalten, damit nicht der Mutterboden verloren geht. Auf nacktem Fels wächst kein Baum.“

Die Häufung der katastrophalen Ereignisse in den letzten zehn Jahren mache eine völlige Neubewertung der Gefahrenpotenziale nötig, mahnte Kuenz. „Kaum hatten wir das letztjährige Ereignis teilweise im Griff, schon war die aktuelle Lage in den westlichen Osttiroler Tälern durch die massiven Niederschläge vor zwei Wochen erneut beklemmend. Die Straßensperren waren absolut notwendig.“ Der tagelange Ausfall der Elektrizität in großen Teilen des Bezirkes habe zusätzlich vor Augen geführt, wie verletzlich die Zivilisation im hochalpinen Raum sei. „Mit Strom geht heute alles, ohne Strom geht gar nichts mehr.“

Gebäudesicherung durch ein Fangnetz.
© Christoph Blassnig

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