Zukunft der Mobilität: Trügerische Heilsversprechen

Wie kommen wir künftig von A nach B? Das Zentrum für Mobilitätsverhaltensänderung der Uni Innsbruck geht dieser Frage nach und berät Gemeinden bei ihren Projekten.

Der Teufel steckt wie so oft im Detail: Selbstfahrende Autos könnten laut einer Studie in Deutschland zwar den Fahrzeugbestand um 20 Prozent verringern, der Verkehr stiege demnach aber um 30 Prozent an.
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Von Benedikt Mair

Schwaz –Wohin geht die Reise? Und vor allem: Womit wird sie bestritten? Mit dem Zug, zu Fuß, dem Bus, dem Auto? Vielleicht sogar einem selbstfahrenden? Elektrisch oder mit Wasserstoff betrieben? Über die Zukunft der Mobilität wird in Wissenschaft, Gesellschaft und Politik oft hitzig diskutiert. Vermittelnd eingreifen will hier das Zentrum für Mobilitätsverhaltensänderung (Centre for Mobility Change, kurz: CMC). Vor einem Jahr wurde die von der Innsbrucker Universität betriebene Einrichtung gegründet. Gestern präsentierte sich diese bei einer Konferenz in Schwaz erstmals einer breiteren Öffentlichkeit.

„Mit guten Absichten alleine werden wir die Welt nicht retten“, sagt Markus Mailer, Professor für Verkehrsplanung an der Innsbrucker Uni und Leiter des CMC. Aber Taten, Projekte, Initiativen müssten gut überlegt sein. „Wir wollen sensibilisieren“, erklärt Mailer. „Und jene, die sich mit dem Verkehr der Zukunft beschäftigen, für ihre Aufgaben befähigen.“

Jede Gemeinde, jeder Ort, jede Institution in Österreich könne sich an die Einrichtung, die vom Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie gefördert wird, wenden. „Dann wird sortiert, die Konzepte werden angeschaut.“ Aus einem noch auszubauenden Archiv aus guten und schlechten Beispielen für moderne Mobilität seien dann Schlüsse zu ziehen. „Oft werden wir auch Illusionen nehmen müssen“, meint Mailer. Schlussendlich sei das CMC aber nur in beratender Funktion tätig, könne Mittel und Wege aufzeigen. „Die Verantwortung, eine Entscheidung zu treffen, können wir den Gemeinden aber nicht abnehmen.“

Neben alternativen Antriebstechniken oder öffentlichen Verkehrsmitteln werden auch immer wieder die Möglichkeiten der Digitalisierung als Lösungsansätze für stau-, lärm- und abgasgeplagte Länder und Orte ins Feld geführt. Dabei bringen diese Technologien nicht nur Vorteile mit sich, sondern bergen auch Gefahren. Es seien trügerische Heilsversprechen, meint etwa Stephan Tischler von der Uni Innsbruck. Der Koordinator des CMC erklärt das am Beispiel des autonomen Fahrens: „Eine Studie aus Deutschland geht zwar davon aus, dass der Fahrzeugbestand durch selbstfahrende Autos um 20 Prozent sinken, der Verkehr insgesamt aber um 30 Prozent ansteigen würde.“ Alle Vorteile seien damit wieder aufgehoben. Tischler: „Die Digitalisierung im Mobilitätssektor bietet große Chancen. Sie macht den Verkehr sicherer, effizienter, komfortabler. Umgekehrt müssen wir uns aber auch mit Fragen nach der Sozialverträglichkeit, Raumplanung oder Abhängigkeiten – etwa von Herstellern oder der Produktion von Strom – beschäftigen.“

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Jens Dangschat, Soziologe an der Technischen Universität Wien und Partner des CMC, legt nach: „Hinter den Heilsversprechen der vernetzten Mobilität stecken Ideen von Ingenieuren und dahinter die Industrie. Die Realität der Menschen, die sieht anders aus.“ Die öffentliche Hand müsse jetzt schon Regularien treffen, damit gewünschte Effekte durch neue Technologien auch eintreten würden.

Mit einigen Tiroler Orten habe es bereits Gespräche gegeben, verrät CMC-Leiter Mailer. Weitere, auch über die Landesgrenzen hinaus, sollen folgen. „Wir starten jetzt richtig los. Die Lösung des Verkehrsproblems heißt auch, dass nicht nur die Rahmenbedingungen, sondern ebenfalls das Verhalten der Menschen geändert werden muss.“


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