“Hustlers“ mit Jennifer Lopez: Ausziehen, um auszunehmen

Hollywoods Film der Stunde nach den Weinstein-Jahren: Jennifer Lopez dreht in „Hustlers“ den Spieß um – und betrügt betrügende Wall-Street-Machos.

Es ist gestohlenes Geld: Jennifer Lopez kann sich als strippende Strippenzieherin Ramona Hoffnungen auf einen Oscar machen.
© Constantin

Von Marian Wilhelm

Innsbruck –Destiny ist ein passender Name für die junge Stripperin im Zentrum dieser Geschichte. Eigentlich heißt sie ja Dorothy und hat eine greise Großmutter aus Kambodscha zu Hause. Doch im Nachtclub-Geschäft dreht sich alles darum, ein Image zu verkaufen. Das lernt Dorothy-­Destiny (Constance Wu) von Ramona, der selbstbewussten Königin an der Pole-Dance-Stange. Jennifer Lopez ist kraftvoll, nuanciert und perfekt besetzt in der Rolle dieser coolen Betrügerin, die ihr nun ein verdientes Comeback verschafft. Sie hat den Film mitproduziert und kann sich beste Chancen auf eine Oscar-Nominierung ausrechnen. Den Erfolg an den amerikanischen Kinokassen hat sie bereits. „Hustlers“ basiert auf einem New-York-Magazine-Artikel von Jessica Pressler mit dem Titel „The Hustlers at Scores: The Ex-Strippers Who Stole From (Mostly) Rich Men and Gave to, Well, Themselves“. Er zeichnet die wahre Geschichte der Stripperinnen nach, die sich zu hochprofessionellen Betrügerinnen entwickeln. Ihre Opfer sind die Börsen-Spekulanten der Wall Street, für die Geldbeträge erst wichtig werden, wenn sie ordentlich Nullen vor dem Komma haben.

Nach dem großen Crash von 2008 finden sich – dem Reaganomics-Prinzip der Trickle-­Down-Economy folgend – auch die Stripperinnen in einer Krise wieder. Doch Ramona und Destiny sind Unternehmerinnen. Sie wissen, wie man Anzugträger um ihr Geld erleichtert. Als die Frauen ihre Kunden jedoch mittels Drogencocktail betäuben, um an deren Kreditkarten zu gelangen, verlässt die Businessidee jeden Graubereich. Wen kümmert Moral, wenn es um Kohle geht. Die Gesellschaft schöner Frauen und eine Handvoll Stimmungsaufheller macht die Männer glücklich, Ketamin lässt sie alles vergessen, bis die Kreditkartenabrechnung eintrudelt. Aber: „Wer erzählt schon gerne der Ehefrau und der Polizei, dass er sein Geld in einem Stripclub verloren hat?“

„Hustlers“ zeichnet nach, wie Opfer zu Tätern werden. Der Film erzählt von Frauen, die den Spieß umdrehen, von Stripperinnen, die die Erniedrigung zum Empowerment machen und den Männern der Oberschicht den Respekt entgegenbringen, den sie für ihre dreckigen Finanzgeschäfte verdienen – „Es ist gestohlenes Geld!“. So gesehen ist „Hustlers“ ein weiblicher Komplementärfilm zur männlichen Big-Business-Fantasie von Typen wie Gordon Gecko oder dem „Wolf of Wall Street“.

Leider legt Autorin und Regisseurin Lorene Scafaria den Finger am Ende nicht dorthin, wo es wirklich weh tut. Doch sie ist geschickt genug, die Schutzbehauptung ausgleichender Gerechtigkeit zumindest offen zu lassen. Denn auch ihre Underdog-Heldinnen verfallen bald den Verlockungen des dekadenten Shopping-Kapitalismus.

Stilistisch folgt der Film mit poppigen Abschwächungen den Exzessen von Martin Scorsese, der zunächst als Regisseur angedacht war. „Hustlers“ ist ein auf den Kopf gestellter Mix aus „Goodfellas“ und „Showgirls“. Die Rap-Songs, die zusätzlich zu Chopin-Geklimper den Soundtrack dominieren, geben die Hochglanz-Attitüde des Films vor. Die Ironie der lüsternen Kamera-Blicke ist dabei nicht immer erkennbar. Doch darum geht es längst nicht mehr. Es ist gewissermaßen Hollywoods Film der Stunde, der nach Weinstein und dem „Pussygrabber-in-Chief“ Abrechnung mit gleichen Mitteln verspricht: „Grab them by the Credit Card“. Am Ende setzt Jennifer Lopez als Ramona die passende Pointe: „Diese Stadt und dieses ganze Land ist wie ein großer Stripclub: Es gibt Leute, die mit Geld werfen, und Leute, die tanzen.“


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