Mobilitätskonzept bewegt im Zillertal gewaltig

Ab Winter 2023 soll im ganzen Zillertal aufgrund des Mobilitätskonzepts die Kurtaxe um 1,25 Euro erhöht werden. Urlauber können dann alle Öffis im Tal gratis benutzen. Etliche Vermieter sehen das kritisch.

Nachdenklich: ZVB-Vorstand Helmut Schreiner, Franz Hörl und TVB-Obmann Ferdinand Lechner bei der Vollversammlung des TVB Zell-Gerlos.
© Dähling

Von Angela Dähling

Zell a. Z., Tux –Ab Dezember 2023 soll im Zillertal ein neues Zeitalter beginnen. Eines, in dem die weltweit erste wasserstoffbetriebene Schmalspurbahn CO2-frei durch das Tal fährt und dabei auch in Rohrberg die Zillertal Arena anbindet. Auch die Busflotte soll erweitert, später ebenfalls mit Wasserstoff betrieben werden und abgestimmt auf die Bahn die Menschen an ihre Zielorte im Tal bringen. Und das gratis für Urlaubsgäste. Zumindest auf den ersten Blick.

Durch eine Erhöhung der Kurtaxe um 1,25 € zahlt der Gast nämlich genauso mit wie der Pendler (1,06 € mit Jahreskarte). Das ist zumindest der Plan, der vom VVT, Land Tirol und den Zillertaler Verkehrsbetrieben diese Woche den Tourismusverbandsmitgliedern der Regionen Zell-Gerlos und Tux-Finkenberg vorgestellt wurde. Und der bei manchen Vermietern für Unmut sorgt. Denn sie seien „die Sklaven der Nation“, meinte etwa Hotelier Johann Stöckl, der im Zell-Gerloser TVB-Aufsichtsrat sitzt. Der Nächtigungsgast werde gezwungen zu zahlen, der Tagesgast nicht. Offenbar wolle man statt Touristen mehr Pendler ins Tal holen, mutmaßte er.

Dem widersprach NR Franz Hörl, Aufsichtsratsvorsitzender der Zillertaler Verkehrsbetriebe. „Es geht hier auch um die Tourismusgesinnung im Tal. Denn dem Tourismus wird die Schuld am Verkehrskollaps gegeben“, sagte er. Seine Einstellung zu Öffis hat sich komplett gewandelt. Einst kämpfte er für eine zweite Zillertalstraße. Jetzt sagt er: „Die Autobahn könnte den Verkehr aus dem Tal dann nicht mehr aufnehmen. Es bräuchte eine dritte Spur. Das würden sich die Inntaler zu Recht nicht gefallen lassen.“ Auch am Grundverbrauch – laut Hörl 130 Hektar – würde dieses Vorhaben scheitern.

Carina Schönsleben-Seiringer vom VVT erklärte: „Eine Umfrage in Deutschland ergab, dass 92,5 % der Befragten auch als Autofahrer bereit wären, eine Öffiumlage zu zahlen. Nicht zuletzt, weil sich die Situation auf den Straßen dann entspannt.“ Sie hatte noch einige Zahlen parat: Weltweit würden 54 % der Bevölkerung in Städten leben, Tendenz steigend. Immer weniger Städter hätten einen Führerschein. In Berlin hätten von 1000 Einwohnern nur 326 ein eigenes Auto.

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Verkehrsanalysen im Ziller­tal haben ergeben, dass im Winter der Übernachtungsgast an Spitzentagen größter Stauverursacher ist, im Sommer sind es Einheimische und Tagesausflügler. „Es ist ein Imagewandel nötig, damit das Zillertal auch für das steht, wofür es mit den schönen Fotos beworben wird“, meinte Schönsleben-Seiringer. Vorbild sei Südtirol, wo das Öffi-Angebot mit der Gästekarte bereits gratis nutzbar ist. So etwa in Brixen, wobei hier die Kurtaxe 1,90 € beträgt. In Mayrhofen sind es jetzt schon 2,20 €.

Über 300 Mio. € sollen laut Hörl im Zillertal in die Verkehrsinfrastruktur investiert werden. Die jährlichen Kosten für das Mobilitätskonzept bezifferte er mit 22,4 Mio. €. Hörl: „Rund 7 Mio. € sollen über die Ortstaxe finanziert werden, die Seilbahner zahlen 1,1 Mio. €, den Rest Bund und Land. Für den Skibusverkehr zahlen die Seilbahner zusätzlich 5,5 Mio. €.“

Hörl sprach von einer „großartigen Chance für das Tal. Es muss sich dazu bekennen, sonst wird das Land das Geld woanders investieren.“ In Tux wurde die Erhöhung um 1,25 Euro ab 1. 11. 2023 am Dienstag mit großer Mehrheit (918 Ja-, 63 Nein-Stimmen) beschlossen. „Ein komplexes, sensibles Thema. Aber uns ist bewusst, dass große Lösungen nur gemeinsam getragen werden können“, sagt TVB-Obmann Markus Tipotsch. Die anderen drei TVB wollen in außerordentlichen Vollversammlungen im Frühjahr über die Erhöhung abstimmen. „Wir brauchen noch viel mehr Informationen“, meint Andreas Lackner (TVB Mayrhofen).


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