Aretha Franklin im Kino: Nachklang einer Sternstunde

1972 sang Aretha Franklin mit „Amazing Grace“ das erfolgreichste Gospel-Album aller Zeiten ein. Mit 47-jähriger Verspätung kommt jetzt der Film zum Album in die Kinos.

Ausgestellte Virtuosität: Aretha Franklin bei den Aufnahmen von „Amazing Grace“.
© Polyfilm

Von Joachim Leitner

Innsbruck –1972 war Aretha Franklin 29 Jahre alt, hatte 20 Alben veröffentlicht, fünf Grammys gewonnen – und stand in der Kritik: Als Königin des Soul habe sie ihre spirituellen Wurzeln verhökert. Meinten besonders eifrige Zeigefingerschwinger. Soul galt als sündig, weil er Gottvertrauen in irdisches Begehren verwandelte, weil er nicht nur Seele, sondern Sex hatte. Also legte Franklin ihre Wurzeln frei. In einer schmucklosen Kirche in Watts im Süden von Los Angeles sang Franklin an zwei Jännertagen das Gospel-Hochamt „Amazing Grace“ ein, das zum erfolgreichsten Gospel-Album aller Zeiten werden sollte. Und filmisch dokumentiert sollten die beiden von Reverend James Cleveland – an Kanzel und Klavier – und dem Southern California Community Choir begleiteten Auftritte auch werden. Warner wollte – am Höhepunkt der Blaxploitation-Welle – an den Sensationserfolg des „Woodstock“-Films drei Jahre zuvor anschließen. Und Aretha Franklin träumte insgeheim von einer Leinwandkarriere.

Sidney Pollack, der gerade mit „Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss“ für den Oscar nominiert worden war, wurde engagiert – und versagte. Bild- und Tonaufnahmen ließen sich am Schneidetisch nicht passgenau synchronisieren. Sie waren in verschiedenen Geschwindigkeiten aufgenommen worden. Das Material wurde eingemottet. Erst kurz vor seinem Tod 2008 überließ Pollack es dem Komponisten und Tontüftler Allan Elliot, der schon mit Miles Davis, Paul Simon und Quincy Jones zusammengearbeitet hat.

Dank digitaler Tricks gelang es Elliot tatsächlich, Bild und Ton in Einklang zu bringen. Weitere Eingriffe in den Film verbat er sich. Doch inzwischen sträubte sich Aretha Franklin gegen die Veröffentlichung von „Amazing Grace“ – obwohl (oder vielleicht gerade weil) sie den Film liebe. Erst nach Franklins Tod 2018 ebneten ihre Erben dem Film den Weg ins Kino. Ein Glück. Obwohl man weiß, was kommt (weil man das Album kennt zum Beispiel), ist man vom ersten Moment, vom ersten Ton an eingenommen, gefangen. Aretha Franklin stimmt „Wholy Holy“ an, Marvin Gays Hymne auf die Möglichkeit einer anderen, einer besseren Welt. Natürlich: ein politisches Bekenntnis. Aber eben auch wunderschön, beseelt. Mit vollem Körpereinsatz arbeitet sich Franklin durch die Songs, schraubt sich hoch, jubiliert, vibriert, formt und färbt aus, trauert, heult und jault – bisweilen droht sie zu zerfließen.

Zugegeben: Frei von Pathos sind die Auftritte nicht, Franklins Zurückhaltung, ihr Verzicht auf jede unnötige Interaktion mit den anderen Musikern oder dem Publikum, ist auch eine Pose: Hier wird Virtuosität ausgestellt, bei sich und ganz bei Gott sein. Aber man muss schon aus Granit sein, wenn man sich von der Show nicht trotzdem mitreißen und verzaubern lässt. Insofern ist „Amazing Grace“ tatsächlich ein missionarisches Unterfangen. Selbst Agnostikern scheint es kaum möglich, sich nicht begeistern zu lassen. In manchen Szenen sind Mick Jagger und Charlie Watts von den Rolling Stones im Publikum auszumachen, die noch 1968 Sympathie für den Teufel einforderten – und sich dabei von Jean-Luc Godard filmen ließen. Auch die Stones klatschen mit. Auch sie sind gefangen. Auch diese Erfahrung wird nachwirken. Auf „Exile on Main St.“, das gerade seine finale Form fand, klingt Gospel an – und der erinnert an jene Sternstunden im Jänner 1972, die nun auch für die Nachwelt als filmisches Hochamt nachfühlbar sind.

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