Traumwerkstatt und Scherbenhaufen: Die Geschichte des Utopia

Der zweite Band der Heftreihe „Kulturorte“ widmet sich dem Utopia. Eine Erzählung zwischen persönlichen Erinnerungen und harter Realität.

Auch „Ostbahn-Kurti“ war gern gesehener Gast im Utopia in Innsbruck.
© Kulturorte

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck –1600 Konzerte organisierte der Weekender in den elf Jahren seines Bestehens bis 2017. Wie viele Gigs das dem Club in der Innsbrucker Tschamlerstraße vorangegangene Utopia veranstaltete, ist ungewiss. Mindestens genauso viele Veranstaltungen müssen es gewesen sein, denn jeder Utopia-Nostalgiker, der Anfang der Woche bei der Präsentation der neuen Ausgabe von „Kulturorte“ im Treibhaus dabei war, fährt mit gleich mehreren musikalischen Erinnerungen aus dem Utopia auf. Stammgäste wie Tintenfisch (Markus Linder und Gerhard Staudinger) und Anaconga (Florian Bramböck und Stefan Costa) träumen sich auf der Bühne zurück in Utopia-Zeiten.

Joachim Tschütscher führt mit dem Band über das Utopia die „Kulturorte“-Reihe seines gleichnamigen Vereins weiter: vom Kreativlabor Weyrer nun zur temporären Heimat der alternativen Kultur. „Die Geschichte eines Traums“ ist, wie der Untertitel verrät, voller Idealismus, eine Traumwerkstatt, die hart auf dem Boden der Tatsachen aufschlägt – Wunschtraum und Realität finden in der Erzählung Platz.

Das Bergisel-Festival zu Pfingsten 1987 hatte eine finanzielle Katastrophe für das noch junge Utopia zur Folge.
© Kulturorte

Entstanden war das Kulturzentrum 1985 als, wie man es heute bezeichnen würde, Co-Workingspace. Der 2000 verstorbene Klaus Bucher, Gerhard Höckner, Lies Bielowski Christine Margreiter sind „Utopisten“ der ersten Stunde.

Dass aus Traum schnell Albtraum werden kann, macht das Kapitel über das Bergisel-Festival 1987 deutlich: Als „Woodstock am Bergisel“ war es geplant, zum finanziellen Desaster wuchs es sich aus. Miles Davis, John McLaughlin und viele mehr spielten legendäre Konzerte vor fast leeren Rängen. Das Wetter war schuld, es hagelte aber auch Vorwürfe von mangelnder Professionalität und einem gehörigen Maß an Naivität. Dass es Lucio Dalla als „Luico Dalla“ aufs Transparent schaffte, dürfte angesichts eines Schuldenbergs von 5,8 Mio. Schilling noch verschmerzbar gewesen sein.

TT-ePaper testen und eine von 150 Jahres-Vignetten gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

Was man dem Utopia nicht vorwerfen kann, ist fehlende Motivation: In den Neunzigern ging die Initiative mit Projekten wie der „Kunststraße“, „Voices“ oder dem „Wetterleuchten“ vom Keller auf die Straße. Auf die Solidarität der Szene konnte das Utopia immer bauen. Auf Unterstützung von öffentlicher Hand schlussendlich nicht mehr: 2001 wurde der Konkurs eröffnet und der Betrieb geschlossen.

Dass das Utopia ein zentrales, aber nicht einziges Zentrum für Subkultur war, macht das neue Heft deutlich: KOMM, Treibhaus und Weekender finden Platz. Und schaffen damit eine Brücke in die jüngste Gegenwart. Kulturorte 02 wird damit auch Pflichtlektüre für jene, die das Utopia nicht mehr aus eigener Erinnerung kennen.

Reportage Kulturorte 02: Das Utopia. Geschichte eines Traums, Studia Verlag, 79 S. 19,90 Euro.


Kommentieren


Schlagworte