Christian Kern im Interview: „Sozialdemokraten sind überall“

Der ehemalige Bundeskanzler und SPÖ-Chef Christian Kern über den Zustand der Sozialdemokratie und Türkis-Grün.

StipendiatInnen Franziska Schwarz, Alyssa Hansske und Max Moschen im Gespräch mit Christian Kern beim Mediengipfel.
© Medienakademie/Müllner

Sie sprachen beim Mediengipfel von Anhängern, die für „die Sozialdemokratie brennen“. Das sind inzwischen aber wenige.

Christian Kern: Das sehe ich überhaupt nicht so, es sind gar nicht wenige. Sie sind nur möglicherweise nicht mehr in der SPÖ oder in den sozialdemokratischen Parteien organisiert. In den Hilfsorganisationen wie Caritas, Rotes Kreuz, bei der Feuerwehr, in sozialen Vereinen sind überall Menschen, die von der sozialdemokratischen Idee genauso fasziniert sind. Wenn man so will, ist das, was wir Sozialdemokraten Solidarität nennen, im Christentum die Nächstenliebe. Und ich glaube, dass das ein Motiv ist, das durch und durch menschlich ist, weil wir Menschen sind Gemeinschaftswesen. Wir fühlen uns nur wohl eingebettet in unserem sozialen Umfeld.

Aber diese Menschen wählen nicht mehr rot.

Kern: Natürlich wäre es mir lieber, die sozialdemokratischen Parteien würden gewinnen, aber es gibt auch viele sozialdemokratische Ansätze in anderen Parteien. Man denke an den Aufstieg der Grünen. Es gibt auch Progressive auf der konservativen Seite, die dieses Thema leben. Da gibt’s durchaus einen gemeinsamen Fundus und nicht zuletzt hat die Wahl Alexander Van der Bellens gezeigt, dass dieses Spektrum durchaus mehrheitsfähig in Österreich sein kann.

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Wie hoch schätzen Sie die Chance ein, dass es zu einer türkis-grünen Regierung kommt?

Kern: Was ich weiß, ist, dass es mein Club, die Wiener Austria, dieses Jahr nicht in die Play-offs schafft. Ihr gebe ich keine Chance, alles andere … wait and see. Ich glaube auch, dass Türkis-Grün unter den aktuellen Prämissen die beste Lösung für das Land ist.

Das Thema des Mediengipfels ist die „zerrissene Welt“. Da geht’s auch viel um den Rechtspopulismus. Angenommen, Heinz-Christian Strache gründet seine eigene Partei, „zerreißt’s“ dann die FPÖ?

Kern: Ich glaub’, die haben sich auf offener Bühne so dermaßen entlarvt, dass es dafür noch nicht einmal den Strache braucht. Aber ich gebe zu, das ist möglicherweise gebiast (voreingenommen, Anm.), da ist vielleicht der Wunsch der Vater des Gedanken.

Wie gespalten ist Österreich?

Kern: In Österreich erleben wir nichts anderes als in vielen anderen Ländern. Das Phänomen der gesellschaftlichen Spaltung lässt sich in Amerika, Brasilien, in vielen europäischen und asiatischen Ländern, etwa auf den Philippinen, beobachten. Das ist nichts Außergewöhnliches!

Kann die zerrissene Welt wieder vereint werden?

Kern: Es braucht gemeinsame Ziele, Visionen und die Leidenschaft dafür, diese auch zu erreichen. Vielleicht ist das eine zu unternehmerische Sicht, aber ich glaube, man muss sich große Ziele setzen. Das sieht man auch am Beispiel Tesla: Man kann von Elon Musk halten, was man will, aber er meinte, er würde das beste Elektroauto der Welt herstellen. Jeder hielt ihn für verrückt, aber genau das hat er geschafft.

Sie haben vorher auf der Bühne gemeint, dass Sie als Kanzler manchmal vielleicht doch etwas zu populistisch waren, was haben Sie damit gemeint?

Kern: Na ja, ich habe, glaube ich, sehr deutlich versucht, nicht populistisch zu sein, aber da oder dort machst du dann Zugeständnisse, auch im Umgang mit Medien, und ich denke, dass da eine noch größere Distanz gerechtfertigt gewesen wäre. Ohne Probleme zu ignorieren (gemeint ist das Flüchtlingsthema, Anm.), aber über die wirklichen Probleme zu reden, das haben wir viel zu wenig getan. Wobei ich für mich in Anspruch nehme, dass das nicht mein alleiniges Zutun war.

Haben Sie Ihren Einstieg in die Politik jemals bereut?

Kern: Nein, nicht eine Sekunde! Ich bin dem Schicksal dankbar für alles, was ich dadurch erleben durfte. Es gab grandiose Erlebnisse und solche, die nicht so wunderbar waren.

Das Gespräch führten Max Moschen, Alyssa Hansske und Franziska Schwarz


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