Kinder in Radanhänger gestorben: Prozessende mit Diversion und Geldstrafe

Der 39-jährigen Mutter der verstorbenen Mädchen und dem 60-jährigen Pkw-Lenker, der das Gespann Anfang August erfasste, wurde fahrlässige Tötung vorgeworfen. Die Mutter war geständig, der Autofahrer bekannte sich nicht schuldig. Er wurde zu einer Geldstrafe, die Mutter zu gemeinnützigen Leistungen verurteilt.

Nach der Kollision eines Pkw mit einem an ein Elektrofahrrad gekoppelten Anhänger in Hausleiten müssen sich der Autolenker und die Radfahrerin am Landesgericht Korneuburg verantworten.
© APA/Pfarrhofer

Korneuburg – Eine Geldstrafe und eine Diversion sind am Montag in Korneuburg am Ende eines Prozesses um einen Fahrradanhänger-Unfall mit zwei toten Mädchen gestanden. Der Pkw-Lenker, der das Gespann erfasst hatte, muss nicht rechtskräftig 28.000 Euro Geldstrafe berappen, 21.000 Euro davon unbedingt. Das Verfahren gegen die Mutter der beiden Kinder, die das E-Bike gelenkt hatte, endete mit einer Diversion.

Der folgenschwere Verkehrsunfall hatte sich am Abend des 4. August auf der B19 bei Hausleiten (Bezirk Korneuburg) ereignet. Der 60-jährige Wiener Autofahrer übersah und erfasste das Gespann „bei fortgeschrittener Dunkelheit“ auf einem geraden Straßenabschnitt im Freilandgebiet, wie der Staatsanwalt in seinem Eröffnungsvortrag festhielt. Die knapp Zweijährige starb an Ort und Stelle, ihre vierjährige Schwester erlag im Wiener SMZ Ost-Donauspital den Verletzungen.

Der Lenker des Pkw bekannte sich in der Hauptverhandlung zu den Vorwürfen der fahrlässigen Tötung und fahrlässigen Körperverletzung nicht schuldig. „Weil ich nichts gesehen habe“, wie der 60-Jährige betonte. Auf den Vorhalt von Richter Dietmar Nußbaumer, ob er das Gebot des Fahrens auf Sicht verletzt habe, blieb der Angeklagte unkonkret. Der 60-Jährige stellte auf Nachfrage seines Verteidigers jedoch fest, dass er seit dem Unfall „einen Albtraum“ lebe.

Der 60-jährige Autofahrer gab an, "nichts" gesehen zu haben.
© APA/Pfarrhofer

Der 60-Jährige schilderte, dass er am Unfallabend am Heimweg von einem Heurigenbesuch gewesen sei, in dem Lokal habe er ein Achtel Wein getrunken. Auf dem entsprechenden Abschnitt der B19 sei er mit etwa 70 bis 80 km/h unterwegs gewesen. Nach einem Kracher habe er dann am rechten Fahrbahnrand eine Frau gesehen. „Ich bin aus dem Auto, dorthin gelaufen und war schockiert“, sagte der österreichische Staatsbürger mit türkischen Wurzeln. Was passiert ist, tue ihm leid.

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.

Mutter bekannte sich schuldig

Der Mutter der Mädchen wurde grob fahrlässige Tötung vorgeworfen. Laut Anklage deshalb, weil die Kinder keinen Helm trugen, der Anhänger keine Rücklichter sowie keine Rückstrahler hatte und die mindestens eineinhalb Meter hohe Fahnenstange mit Wimpel fehlte. Die Angeklagte bekannte sich schuldig, schilderte im Zusammenhang mit dem Unfall markerschütternd den Moment, in dem sie ihre Kinder in dem Fahrradanhänger sah.

„Ich habe auf einmal nur einen Stoßer gespürt“, schilderte sie in Bezug auf das Unfallgeschehen. Danach sei sie in einem Acker zu sich gekommen. Sie habe an diesem Abend mit dem Gespann von der Wohnung ihres Freundes aus noch heimkommen wollen, bevor es „komplett finster wird“. Auf dem Weg sei sie immer am rechten Fahrbahnrand unterwegs gewesen, bekräftigte die Niederösterreicherin.

Die Beschreibung des Anhängers und dass dieser nicht mit einem E-Bike verwendet werden soll, habe sie nicht gelesen. Normalerweise hätten die Kinder stets einen Helm getragen, führte die Mutter aus. Die beiden Mädchen hätten sich aber an diesem Tag vehement gegen den Kopfschutz gewehrt.

Gemeinnützige Leistungen von 200 Stunden

Erbringt die 39-Jährige innerhalb von sechs Monaten gemeinnützige Leistungen im Ausmaß von 200 Stunden, wird das Verfahren gegen sie eingestellt. Dem Vorschlag von Einzelrichter Dietmar Nußbaumer stimmte auch der Staatsanwalt zu: „In Hinblick darauf, dass die Opfer ihre Kinder waren“, wie der Vertreter der Anklagebehörde betonte. Auch in generalpräventiver Hinsicht sei die Entscheidung positiv, die Beschuldigte bekomme nunmehr die Chance „für die Allgemeinheit etwas zu tun“.

Die teilbedingte Geldstrafe für den Pkw-Lenker begründete Nußbaumer unter anderem damit, dass Autofahrer im Freilandgebiet mit „Fußgängern und Fahrradfahrern rechnen müssen und daher eine entsprechende Geschwindigkeit eingehalten werden muss“. Mildernd habe sich bei der Schuldzumessung der bisher ordentliche Lebenswandel des 60-Jährigen ausgewirkt, als erschwerend sei das Zusammentreffen dreier Vergehen gewertet worden. „Berücksichtigt wurde auch, dass das Verschulden geringer war als bei der anderen Verkehrsteilnehmerin“, sagte der Einzelrichter.

Der Verteidiger, dessen Antrag auf einen Nachtsichtaugenschein an der Unfallstelle durch Nußbaumer abgelehnt worden war, erbat Bedenkzeit. Der Staatsanwalt meldete hinsichtlich des Urteils gegen den 60-Jährigen Berufung an.

Der Verkehrsunfall hatte im August für großes Aufsehen in der Öffentlichkeit gesorgt. Verkehrsminister Andreas Reichhardt sah Handlungsbedarf und ließ die Beförderung von jungen Menschen auf bzw. mit Fahrrädern untersuchen und evaluieren. (APA/TT.com)


Schlagworte